Nach der Familiensaga von Joseph Roth · Bühnenfassung von Koen Tachelet · 15+
Reutlinger General-Anzeiger, 15. Juni 2026
(von Thomas Morawitzky)
Maike Bouschen hat Joseph Roths Roman »Hiob« am LTT wirkungsvoll als Charakterspiel inszeniert
Deutsche Bühne Online, 14. Juni 2026
(von Manfred Jahnke)
Von einem starken Ensemble getragen
Schwäbisches Tagblatt, 14. Juni 2026
Mit viel Empathie nicht auf den Punkt gekommen
(von Peter Ertle)
Ein paar wenige Zuschauer applaudierten am Ende stehend. Das ist inzwischen bei jeder Aufführung Mode. Peter Ertle
Auf der Bühne steht ein langer Quader als Zentrum der Spielfläche, zum Publikum hin ohne Wand: Die Wohnung der Familie Singer, kühl und modern abstrahiert. Ihre Eigenheit: Die Decke ist niedrig, auch die Tür ist puppenstubenmäßig zu klein für die Bewohner, die darin wie krumme, gebückte, gebeugte Riesen wirken. Gebeugt, gebeutelt, klein gemacht vom Schicksal, könnte man sagen. Das kommt einem ja als Erstes in den Sinn, wenn man an die Geschichte von Hiob denkt.
Das Schicksal hat bis zur Pause einen einzigen Namen: Menuchim. Mendels letzter Sohn, der mit einer Behinderung zur Welt kam, nicht spricht. Und der einzige ist, der in einer Art schlafwandlerischen slow-motion-Ballets den engen Raum künstlerisch weitet, ihn sich zu nutze macht. Eine Opfer-Inkarnation, stiller Held, schutzlos und irgendwie unangreifbar zugleich.
Seine Geschwister, die sich schämen und ihm wohl die besondere Aufmerksamkeit seiner Eltern neiden, bringen ihn einmal fast um. Hier, in der rasch in einen Mordversuch umschlagenden Hänselei gelingen der Inszenierung ein paar schöne Bilder, wenn Menuchim mal wie ein Mehlsack, mal wie ein Brett von den Geschwistern weggetragen wird. Der von Robi Tissi Graf für ihre Figur die trefflich umgesetzte, gänzlich andere Bewegungsmodus stiftet eine eigene, geheimnisvolle, hier sogar etwas komische Aura.
Das wars dann eigentlich auch mit der Komik. Muss ja auch nicht sein bei diesem Stück. Aber das Gegenteil müsste auch nicht sein, sprich: man kann Hiobs Leid auch anders in Szene setzen als ihn zwei Stunden lang in die Form eines mittelschwer depressiv gestimmten, düster-stimmungsvollen Märchens zu gießen, in dem einfach nicht genug passiert. Das mag schon an der sanftmütig-teppichweichen Textfassung Koen Tachelets liegen, die zwischen traumverloren poetisch und langweilig changierende Inszenierung tut ein weiteres.
Dann ist, selten genug in diesem Theater, auch noch Pause, eine richtig lange, in der man immerhin Zeit hat, sich zu fragen, wo denn bislang Mendel Singers Unglück liegt, das bis zu diesem Zeitpunkt aus jeder Pore dieses Stücks schwitzt. Dass seine Kinder (gespielt von Sarah Liebert, Sebastian Fink, Leo Kramer) ein anderes, freieres Leben führen wollen, dran und drauf sind, die Eltern zu verlassen? Dass die Ehe zwischen Mendel und seiner Frau (gespielt von Jennifer Konrprobst) nicht mehr das ist, was sie mal war? Meine Güte, millionenfach gelebte, durchschnittliche Lebensprobleme.
Bleibt letztlich nur der kranke Menuchim, den wir ihm als außerordentliches Schicksalspaket anerkennen würden. Der Rest geht auf die Kappe seines religiös engstirnigen, provinziellen, ressentimentgeladenen (mit Kosaken darf sich die Tochter nicht abgeben) Horizonts – was es im schwäbischen Pietismus oder bei einem Moslem genauso geben kann wie bei diesem ostjüdischen Schtetlbewohner. Kein Grund, gleich an Gott zu verzweifeln, kein geeigneter Stoff, daran die Theodizee-abzuhandeln, also die Frage, warum Gott den Menschen so viel Leid aufbürdet.
Als ob die Inszenierung das selbst gemerkt hätte, werden nach der Pause rasch das Rüberschnappen der Tochter in die Verrücktheit, der Tod eines von Menuchims Brüdern und der Tod der Frau nachgereicht. Davor liegt allerdings auch die Ankunft in Amerika und der steile berufliche Erfolg seines Sohns, Wohlstand, neue Welt, die ja auch Anlass zu Glück und Freude sein könnten und zur Frage an Gott, wie man das nun denn verdient habe. Bleibt natürlich aus. New York wird bei einem wie Mendel Singer vor allem als Desorientierung in einer falschen Welt des Sodom&Gomorrha empfunden, ein zweifel-, ja sogar eher höllenhaftes Paradies.
Die Inszenierung Maike Bouschens lässt Sternenstaub rieseln oder Schnee und die Sterne aus der US-Flagge auf die Bühne (Bühne: Valentina Pino Reyes) hernieder. So wie sie vorher die Wohnung bei entsprechender Schmerzensachricht in Blutrot tauchte oder spezielle Minichoreografien für die Techtelmechtel zwischen Tochter Mirjam und ihren Männern suchte. Das ist alles stellenweise schön, aber nicht recht abendfüllend.
Andreas Guglielmetti spielt den Mendel Singer in dumpf reduzierter, seelenvoller Gemütlichkeit und Unruhe, manchmal ein bisschen staunend, dann verzagend. Man möchte ihm zurufen: Es gibt keinen Gott, du bist nicht schuld, niemand ist schuld, das Leben hat keinen Sinn außer den, den du ihm geben kannst.
Singer kann es nicht. Vielleicht ist das bei der zwischenzeitlichen Schlagzahl von Nackenschlägen auch normal. Aber dieser Mann ist ohne seine Religion, seinen Gott, sein Stetl sowieso verloren. Bloß gut, dass am Ende der unter Schuldgefühlen zurückgelassene Menuchim als inzwischen gesundeter und groß Karriere gemacht habender Musikstar nach Amerika kommt. Wir wissen nicht, ob wirklich oder im Traum, aber das spielt letztlich keine Rolle. Father&Son-Reunion: Es hat was von der Wiederkunft des Messias, festes Gedankengut in Mendels Religion.
Die Frage ist: Warum steht dieses Stück auf dem Spielplan? Geht es um das jüdische Schicksal, das hier versinnbildlicht werden soll oder eher um die Frage, wie grundsätzlich mit menschlichem Leid umgegangen werden kann? Eine persönliche Motivation Joseph Roths für seinen Romanstoff im Jahr 1930 war die psychische Erkrankung seiner Frau, die später von den Nazis ermordet wurde. Damit befinden wir uns hier bereits auf einem Kreuzungspunkt von individuellem und politisch-gesellschaftlichem Schicksal.
Aber, nochmal: Gibt dieses Stück Antworten, setzt es wenigstens Diskussionen in Gang? Setzt diese Bühnenfassung und diese Inszenierung einen spannenden, neuen Akzent? Sie hat Empathie, das ist immerhin schön. Sie betreibt etwas Klassikerpflege, das gehört zum Aufgabenbereich eines Theaters. Ein paar wenige Zuschauer applaudierten am Ende stehend. Das ist inzwischen bei jeder Aufführung Mode.
cul-tu-re.de online, 13. Juni 2026
(von Martin Bernklau)
Bildstark und aufs Wesentliche verdichtet