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Nach der Familiensaga von Joseph Roth · Bühnenfassung von Koen Tachelet · 15+
Reutlinger General-Anzeiger, 15. Juni 2026
(von Thomas Morawitzky)
Maike Bouschen hat Joseph Roths Roman »Hiob« am LTT wirkungsvoll als Charakterspiel inszeniert
Deutsche Bühne Online, 14. Juni 2026
(von Manfred Jahnke)
Von einem starken Ensemble getragen
Da lebt ein einfacher Mann, ein Thoralehrer, mit Frau und drei Kindern in der russischen Provinz. Ein viertes Kind wird geboren, Epileptiker, der nicht spricht und sich nicht bewegen kann. Zudem fordert der Zar die beiden ältesten Söhne als Soldaten. Der Älteste, Jonas, meldet sich gerne zum Dienst, während sein jüngerer Bruder Schemarjah nach Amerika desertiert. Er wird dort als Sam erfolgreicher Geschäftsmann und lädt seine Eltern ein nachzukommen. Als Mendel Singer, der Vater, feststellen muss, dass sich seine Tochter Mirjam auf die Kosaken in der Garnison vor Ort einlässt, geht es schnell. Menuchim, den Stummen, muss man zurücklassen.
In seinem Roman „Hiob“, 1930 erschienen, erzählt Joseph Roth die Geschichte eines Mannes, der ob der Katastrophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Vertrauen in seinen Gott verliert, ihn verflucht und am märchenhaften Ende wieder zum Glück des Seins findet: Sein Sohn Menuchim nimmt ihn als erfolgreicher Musiker, der gerade in den Staaten auf Gastspielreise ist, in die Arme. 2009 hat Johan Simons an den Münchner Kammerspielen eine emotional tief treffende Aufführung geschaffen. Die seiner Regiearbeit zugrundeliegende Fassung von Koen Tachelet wird nun als Grundlage für eine Inszenierung des „Hiob“ am LTT Tübingen genutzt.
Maike Bouschen konzentriert sich in ihrer Regie auf die Beziehung zwischen Mendel und Menuchim. Schon beim Einlass nähern sich in verschiedenen Positionen Andreas Guglielmetti als Mendel Singer und Robi Tissi Graf als Menuchim in einem in sich abgeschlossenen schmalen Kasten (Bühnenbild: Valentina Pino Reyes), der die Spieler:innen zwingt, sich gebeugt zu bewegen. Dazu rieselt im ersten Teil Schnee: Roth spielt in seinem Roman stark mit dem Kälte-Wärme-Gegensatz. Für „Amerika“ im zweiten Teil der Aufführung werden 13 Sterne herauf- und heruntergefahren, mal silbern oder rot oder blau leuchtend. Zudem ist der Kasten verschwunden, bzw. nur dessen schwarze Rückwand zu sehen. Auf dem Kasten verwandelt sich Robi Tissi Graf im diffusen Licht langsam in einen Dirigenten.
Wie verarbeitet ein Mensch es, wenn der eine Sohn im Ersten Weltkrieg verschollen ist, der andere beim Kriegseintritt der USA in Europa fällt, die Frau ob dieser Nachricht stirbt und die Tochter verrückt wird? Andreas Guglielmetti legt seine Rolle zurückhaltend an, solange er Urvertrauen hat. Selbst, wenn dieses empfindlich gestört wird, bleibt er in seinen Reaktionen dezent. Das kommt der Abstraktion des Raums entgegen, aber auch der Regie. Diese ignoriert den Zeitkontext der Handlungen nicht, aber lässt diese weitgehend außer Acht. Umso stärker betont Bouschen, was zwischen Vater und Sohn stattfindet. Robi Tissi Graf spielt den Menuchim mit großen Augen nach körperlicher Berührung suchend.
Gegenüber dieser starken Allianz von Vater und jüngstem Sohn haben es die anderen Spieler:innen schwer. Selbst die Mutter von Jennifer Kornprobst bleibt eher am Rande. Wie auch Leo Kramer als Jonas und Sebastian Fink als Schemarjah in diesem Kontext eher marginal fungieren, während Sarah Liebert als Mirjam deutliche Spuren setzt. Das hat auch damit zu tun, dass Bouschen auf Klischees zurückgreift. Obschon die auf die Handlungen abgestimmten Kompositionen von Caio de Azevedo mit den genau getimten Stimmungen eigentlich alles Klischeehafte abstreifen. Insgesamt ist in Tübingen eine Inszenierung entstanden, die mit ihren dunklen Lichtstimmungen Atmosphäre schafft, zumal ein starkes Ensemble auftritt. .
Schwäbisches Tagblatt, 14. Juni 2026
Mit viel Empathie nicht auf den Punkt gekommen
(von Peter Ertle)
Ein paar wenige Zuschauer applaudierten am Ende stehend. Das ist inzwischen bei jeder Aufführung Mode. Peter Ertle
Auf der Bühne steht ein langer Quader als Zentrum der Spielfläche, zum Publikum hin ohne Wand: Die Wohnung der Familie Singer, kühl und modern abstrahiert. Ihre Eigenheit: Die Decke ist niedrig, auch die Tür ist puppenstubenmäßig zu klein für die Bewohner, die darin wie krumme, gebückte, gebeugte Riesen wirken. Gebeugt, gebeutelt, klein gemacht vom Schicksal, könnte man sagen. Das kommt einem ja als Erstes in den Sinn, wenn man an die Geschichte von Hiob denkt.
Das Schicksal hat bis zur Pause einen einzigen Namen: Menuchim. Mendels letzter Sohn, der mit einer Behinderung zur Welt kam, nicht spricht. Und der einzige ist, der in einer Art schlafwandlerischen slow-motion-Ballets den engen Raum künstlerisch weitet, ihn sich zu nutze macht. Eine Opfer-Inkarnation, stiller Held, schutzlos und irgendwie unangreifbar zugleich.
Seine Geschwister, die sich schämen und ihm wohl die besondere Aufmerksamkeit seiner Eltern neiden, bringen ihn einmal fast um. Hier, in der rasch in einen Mordversuch umschlagenden Hänselei gelingen der Inszenierung ein paar schöne Bilder, wenn Menuchim mal wie ein Mehlsack, mal wie ein Brett von den Geschwistern weggetragen wird. Der von Robi Tissi Graf für ihre Figur die trefflich umgesetzte, gänzlich andere Bewegungsmodus stiftet eine eigene, geheimnisvolle, hier sogar etwas komische Aura.
Das wars dann eigentlich auch mit der Komik. Muss ja auch nicht sein bei diesem Stück. Aber das Gegenteil müsste auch nicht sein, sprich: man kann Hiobs Leid auch anders in Szene setzen als ihn zwei Stunden lang in die Form eines mittelschwer depressiv gestimmten, düster-stimmungsvollen Märchens zu gießen, in dem einfach nicht genug passiert. Das mag schon an der sanftmütig-teppichweichen Textfassung Koen Tachelets liegen, die zwischen traumverloren poetisch und langweilig changierende Inszenierung tut ein weiteres.
Dann ist, selten genug in diesem Theater, auch noch Pause, eine richtig lange, in der man immerhin Zeit hat, sich zu fragen, wo denn bislang Mendel Singers Unglück liegt, das bis zu diesem Zeitpunkt aus jeder Pore dieses Stücks schwitzt. Dass seine Kinder (gespielt von Sarah Liebert, Sebastian Fink, Leo Kramer) ein anderes, freieres Leben führen wollen, dran und drauf sind, die Eltern zu verlassen? Dass die Ehe zwischen Mendel und seiner Frau (gespielt von Jennifer Konrprobst) nicht mehr das ist, was sie mal war? Meine Güte, millionenfach gelebte, durchschnittliche Lebensprobleme.
Bleibt letztlich nur der kranke Menuchim, den wir ihm als außerordentliches Schicksalspaket anerkennen würden. Der Rest geht auf die Kappe seines religiös engstirnigen, provinziellen, ressentimentgeladenen (mit Kosaken darf sich die Tochter nicht abgeben) Horizonts – was es im schwäbischen Pietismus oder bei einem Moslem genauso geben kann wie bei diesem ostjüdischen Schtetlbewohner. Kein Grund, gleich an Gott zu verzweifeln, kein geeigneter Stoff, daran die Theodizee-abzuhandeln, also die Frage, warum Gott den Menschen so viel Leid aufbürdet.
Als ob die Inszenierung das selbst gemerkt hätte, werden nach der Pause rasch das Rüberschnappen der Tochter in die Verrücktheit, der Tod eines von Menuchims Brüdern und der Tod der Frau nachgereicht. Davor liegt allerdings auch die Ankunft in Amerika und der steile berufliche Erfolg seines Sohns, Wohlstand, neue Welt, die ja auch Anlass zu Glück und Freude sein könnten und zur Frage an Gott, wie man das nun denn verdient habe. Bleibt natürlich aus. New York wird bei einem wie Mendel Singer vor allem als Desorientierung in einer falschen Welt des Sodom&Gomorrha empfunden, ein zweifel-, ja sogar eher höllenhaftes Paradies.
Die Inszenierung Maike Bouschens lässt Sternenstaub rieseln oder Schnee und die Sterne aus der US-Flagge auf die Bühne (Bühne: Valentina Pino Reyes) hernieder. So wie sie vorher die Wohnung bei entsprechender Schmerzensachricht in Blutrot tauchte oder spezielle Minichoreografien für die Techtelmechtel zwischen Tochter Mirjam und ihren Männern suchte. Das ist alles stellenweise schön, aber nicht recht abendfüllend.
Andreas Guglielmetti spielt den Mendel Singer in dumpf reduzierter, seelenvoller Gemütlichkeit und Unruhe, manchmal ein bisschen staunend, dann verzagend. Man möchte ihm zurufen: Es gibt keinen Gott, du bist nicht schuld, niemand ist schuld, das Leben hat keinen Sinn außer den, den du ihm geben kannst.
Singer kann es nicht. Vielleicht ist das bei der zwischenzeitlichen Schlagzahl von Nackenschlägen auch normal. Aber dieser Mann ist ohne seine Religion, seinen Gott, sein Stetl sowieso verloren. Bloß gut, dass am Ende der unter Schuldgefühlen zurückgelassene Menuchim als inzwischen gesundeter und groß Karriere gemacht habender Musikstar nach Amerika kommt. Wir wissen nicht, ob wirklich oder im Traum, aber das spielt letztlich keine Rolle. Father&Son-Reunion: Es hat was von der Wiederkunft des Messias, festes Gedankengut in Mendels Religion.
Die Frage ist: Warum steht dieses Stück auf dem Spielplan? Geht es um das jüdische Schicksal, das hier versinnbildlicht werden soll oder eher um die Frage, wie grundsätzlich mit menschlichem Leid umgegangen werden kann? Eine persönliche Motivation Joseph Roths für seinen Romanstoff im Jahr 1930 war die psychische Erkrankung seiner Frau, die später von den Nazis ermordet wurde. Damit befinden wir uns hier bereits auf einem Kreuzungspunkt von individuellem und politisch-gesellschaftlichem Schicksal.
Aber, nochmal: Gibt dieses Stück Antworten, setzt es wenigstens Diskussionen in Gang? Setzt diese Bühnenfassung und diese Inszenierung einen spannenden, neuen Akzent? Sie hat Empathie, das ist immerhin schön. Sie betreibt etwas Klassikerpflege, das gehört zum Aufgabenbereich eines Theaters. Ein paar wenige Zuschauer applaudierten am Ende stehend. Das ist inzwischen bei jeder Aufführung Mode.
cul-tu-re.de online, 13. Juni 2026
(von Martin Bernklau)
Bildstark und aufs Wesentliche verdichtet
Die schlimmsten Katastrophen kommen erst nach der Wende zum Glück. Darin unterscheidet sich Mendel Singers Schicksal von Hiob, seinem biblischen Vorbild. Joseph Roth hat diesen „Roman eines einfachen Mannes“, der zwischen dem jiddischen Schtetl im zaristischen Russland und dem amerikanischen Traum in New York spielt, im Jahr 1930 veröffentlicht. Koen Tachelets Bühnenfassung hat Maike Bouschen fürs LTT inszeniert. Am Freitagabend war Premiere.
Joseph Roth hatte die Bücherverbrennung, Barbarei und Krieg früh vorausgesagt *1). Auch sein „Hiob“ landete am 10. Mai 1933 auf den Scheiterhaufen, die fanatische Nazi-Studenten – ohne Befehl von oben übrigens – reichsweit entzündet hatten. Die Shoah musste Roth nicht mehr durchleiden. Schon 1939 hatte sich der 44-jährige vormalige österreichische Starjournalist und erfolgreiche Autor im Pariser Exil zu Tode getrunken. Mit dem „Radetzkymarsch“ und seiner relativ knappen, sehr genau komponierten Familiensaga hinterließ er deutsch-jüdische Weltliteratur aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Zweiteilung der Geschichte – Pausen sind sonst eher selten geworden am LTT – bildete Maike Bouschens Inszenierung mit sehr überlegten schauspielerischen und ästhetischen Mitteln (Ausstattung: Valentina Pino Reyes) bildstark und aufs Wesentliche verdichtet nach.
Der jiddische Dorfschullehrer Mendel Singer (Andreas Guglielmetti) fristet mit Frau und vier Kindern sein ärmliches Dasein in irgendeinem ostjüdisch-galizischen Schtetl. Nicht nur der jüngste Sohn Menuchim (Robi Tissi Graf) macht ihm und seiner abgehärmten Frau Deborah (Jennifer Kornprobst) Sorgen, die ihren Nachzügler verbissen zu schützen versucht und an ein Wunder glaubt, das ihn heilt. Menuchim spricht nicht, ist apathisch oder zuckt dauernd epileptisch und wird von den älteren Geschwistern auch noch übel gemobbt. Schon als Jude kann Mendel das alles nicht gefallen: Tochter Mirja, von Sarah Liebert gegeben, hurt im Kornfeld reihenweise mit Kosaken herum, Jonas (Leo Kramer) will sich – kurz vor dem Ersten Weltkrieg – als Soldat dem Zaren andienen, reiten, saufen und Bauernmädchen flachlegen, während Schemarjah, der zielstrebig taffe Älteste, Sebastian Fink spielt ihn, mithilfe von Schleppern ins Ausland zu desertieren gedenkt. Mendel hadert mit sich und mit seinem Gott.
Die sehr geschlossene erste Hälfte des LTT-„Hiob“ dominiert in großartigem Minimalismus dieser Guckkasten, in dem die größeren Mimen kaum aufrecht stehen können. Eine Tür und drumherum nur Schwarz. Er darf für die wirtschaftliche, soziale und auch religiöse Enge dieser chassidischen Welt stehen, in die übrigens auch Joseph Roth selbst anno 1894 hineingeboren wurde. Dann naht die scheinbare Wende. Der geschäftstüchtige Schemarjah hat es nach Amerika geschafft und ist in New York zu erstem Wohlstand gekommen. Er kann sogar die Familie nachholen – bis auf die beiden Brüder. Der kranke, behinderte Menuchim bekäme keine Einreisepapiere. Und Jonas ist angesichts des nahenden Weltkriegs nicht aus der zaristischen Armee loszueisen. Alle sechs Schauspieler zeichnen ihre Charaktere mit sparsamen, gebremsten Ausdrucksmitteln, aber genau und einprägsam. Ebenso minimalistisch unterstützt das die subtile Hintergrundmusik von Caio de Azevedo.
Nach der Pause, in New York, geht es mit ein wenig mehr visuellem und mimischem Aufwand weiter. Die Bekleidung, bisher in asketischem Schwarz und Weiß, bekommt Farben. Nur Andreas Guglielmetti bleibt mit seinem Mendel leise und zurückhaltend, während Sarah Liebert, Leo Kramer, Sebastian Fink und sogar Jennifer Kornprobst sich ein paar eruptivere Szenen, etwas Over-acting leisten. Ganz außen vor ist Robi Tissi Graf, die auf dem mittlerweile verhüllten Kasten in Zeitlupe und ohne Worte die wundersame Verwandlung des Menuchim in den erfolgreichen Musiker Kossak beginnt, der am Ende seinem von allem Leid der Welt heimgesuchten Vater wiederbegegnet.
Denn die Freiheit Amerikas und der amerikanische Traum erweisen sich als Trugbilder für Mendel Singer: Sterne, wohl bewusst exakt 13 an der (Unglücks-)Zahl, symbolisieren das und bewegen sich in wechselnden Farben auf und ab. Schnee rieselt. Der reich gewordene älteste Sohn und Gastgeber der Restfamilie zieht für sein geliebtes neues Land nach Europa in den Weltkrieg – und fällt. Sein Bruder Jonas wird an der russischen Front vermisst. Die Mutter verzweifelt daran und stirbt. Die auch nach der Hochzeit mit Mac, dem amerikanischen Freund des Bruders, weiterhin nymphomanische Mirjam endet einstweilen im Irrenhaus.
Als versöhnliches Ende des an seinem Gott und an seinem Glauben zweifelnden, an all den Schicksalsschlägen fast verzweifelnden Mendel wandelt die Bühnenfassung einen Satz aus dem Roman ab. „So grüßte Mendel die Welt“, heißt es bei Joseph Roth und drückt die Hoffnung von Vater und wiedergefundenem Sohn auf ein weiteres Wunder aus: auf die Heilung Mirjams. Dazu einen guten Tod, „satt am Leben, umringt von vielen Enkeln“. So wünscht sich Mendel Singer das. Seine Hoffnung, sie ist unzerstörbar. „Ich möchte die Welt begrüßen!“ darf Andreas Guglielmetti mit ausgebreiteten Armen als Schlusssatz ausrufen.
Lauter und langer Beifall im nicht ganz ausverkauften Großen Saal feierte eine intensive Inszenierung nach Kräften.
