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Monolog über Freundschaft, Zivilcourage und Wut nach Saša Stanišics Roman · Bühnenfassung von Monika Kosik · 10+
Schwäbisches Tagblatt, 23. Januar 2026
(von Julian Ettema)
Die Botschaft scheint angekommen zu sein
Montagmorgen in einem Raum der Geschwister-Scholl-Schule Tübingen. Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse sitzen im Stuhlkreis um ein paar zum Lagerfeuer aufgeschichtete Holzstämme. Zwischen ihnen, Theaterpädagogin Mirijam Kälberer und Schauspieler Yaroslav Somkin vom Jungen LTT. Dann – völlig unvermittelt – steht Somkin plötzlich auf, läuft in der Mitte des Stuhlkreises auf und ab, und beginnt zu erzählen.
Von seiner Mutter, die ihn gegen seinen Willen in ein Ferienlager im Wald schickt, von dem grauen Busbahnhof, von dem aus er und einige Mitschülerinnen und Mitschüler ihre Reise zu besagtem Ferienlager beginnen, von Jörg, dem Außenseiter, und von Marko, der den stillen Jörg auf dem Kieker hat. Regelmäßig geht Kichern durch den Raum, wenn Somkin in seinen Ausführungen rätselt, ob wohl die Menge an Kotztüten im Bus ausreichend ist, oder spontan eine Dose Mückenspray aus der Tasche zieht und sich von oben bis unten damit einsprüht.
Das Stück, das Somkin inmitten der Stühle, nur unterstützt von einer Handvoll Requisiten, spielt, ist ein knapp einstündiger Monolog, inspiriert von Saša Staniši?s „Wolf“. Ein Roman über Mobbing, Freundschaft und die Bedeutung des Andersseins und Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises 2024. Das junge LTT tritt mit „Wolf“ an Schulen auf, um für das Thema Mobbing zu sensibilisieren. Zum Konzept gehören auch ein anschließendes Nachgespräch und Arbeitsmaterial, das für Lehrkräfte zur Verfügung gestellt wird.
Inzwischen ist Somkins Ich-Erzähler in seinem Zimmer im Ferienlager angekommen, das er sich – wie der Zufall so will – mit dem stillen Jörg teilt. Er platziert einen Rucksack vor einem seiner Zuschauer und beschreibt, wie Jörg seine Klamotten auspackt, während der Schüler ein T-Shirt nach dem anderen aus dem Rucksack zieht. Eine von vielen Situationen, in denen die Kinder durch die Requisiten direkt ins Stück einbezogen werden. Symbolisiert durch den Rucksack, einen Zauberwürfel oder einen einfachen Stock wandern die Rollen von Jörg und Marko im Kreis herum.
Im Verlauf des Stücks werden Erzähler und Publikum immer wieder Zeuge davon, wie Jörg von Marko schikaniert wird. Seine Zeichnung im Staub wird zertreten, sein Rucksack, den ihm sein Vater geschenkt hat, landet im Dreck, und vor seinem Zimmer wartet morgens eine alles andere als schmeichelhafte Karikatur seiner selbst. Im Erzähler wächst die Wut über das Unrecht, das er mitansehen muss. Aber auch die Furcht vor der Konfrontation mit den Tätern und davor, selbst zum Ziel zu werden. Die eigene Feigheit, die Entscheidung, trotz allem zu schweigen, ist immer wieder Thema. Jede Nacht träumt er von einem Wolf, dem Namensgeber des Romans, und Somkin – das Gesicht von einer Wolfsmaske bedeckt – läuft ebenso bedrohlich durch die Reihen, wie der Wolf im Traum durch das Schlafzimmer.
Das Stück erreicht seinen Höhepunkt in einem emotionalen Ausbruch des sonst so stillen Jörg. Er schreit seine Hilflosigkeit heraus. Die Betreuerinnen und Betreuer des Ferienlagers werden endlich auf seine Situation aufmerksam. Eine Lösung liefern sie nicht. Lediglich den Rat, Jörg solle Marko meiden und umgekehrt. Angesichts dieser enttäuschenden Nachrichten packt den Protagonisten blanker Zorn. Er stürmt los. Sucht Marko. Stellt ihn zur Rede. Ist kurz davor, ihn zu konfrontieren. Doch dann ist da wieder die Furcht, die Feigheit, und er lässt es doch sein. Er geht weg vom Tisch, an dem Marko sitzt, und Somkin geht zur Tür. Dann verlässt er den Raum. Applaus.
Eine Erklärung, wie es mit Jörg und seinem Peiniger weitergeht oder welche Symbolik der Wolf denn nun hatte, liefert das Stück – genau wie seine literarische Vorlage – nicht. Reichlich Raum für Spekulationen also, den die Schülerinnen und Schüler in der ans Stück anschließenden Diskussionsrunde auch direkt nutzen. Zu Beginn bittet Theaterpädagogin Kälberer sie aber erst einmal zu zeigen, ob und wie ihnen das Stück gefallen hat.
Dafür sollen sie aufstehen und sich im Raum positionieren. Je mittiger im Raum, desto besser kam der Auftritt an. Über 20 Kinder, die versuchen, sich auf einen Quadratmeter im Zentrum des Stuhlkreises zu verteilen, sprechen eine klare Sprache. Das Publikum mittels der Requisiten einzubinden, kam bei vielen super an. „Man hatte dadurch das Gefühl, es war nicht ein, sondern ein Dutzend Schauspieler“, sagt einer der Schüler. Auch für Somkin gibt es Lob: „Krass, wie viel Text er auswendig gelernt hat!“
Was hat es jetzt eigentlich mit dem Wolf auf sich? Als eine stark symbolträchtige Figur ist der Spielraum für Interpretationen natürlich groß. Eine der Schülerinnen bringt es aber recht gut auf den Punkt. „Der Wolf taucht auf, immer wenn Jörg ein Problem hat und die Hauptfigur es ignoriert oder Angst hat oder fliehen wollte.“ Auch Ideen, wie die Geschichte denn nun weitergehen könnte, haben die Schüler einige. Die Botschaft gegen Mobbing und für die Akzeptanz des Andersseins scheint angekommen zu sein, denn all ihren Vorschlägen gemein ist eines: ein Happy End für Jörg.
