Science-Fiction-Comedy von Yael Ronen und Itai Reicher · 14+
Schwarzwälder Bote, 17. Februar 2026
Ebenso hintersinnig wie absurd, spöttisch wie doppelbödig
(von Christoph Holbein)
Und am Ende regieren die Bienen
Reutlinger General-Anzeiger, 16. Februar 2026
(von Thomas Morawitzky)
Überlebenskampf als Gameshow: Die Science-Fiction-Satire »Planet B« am LTT
Der Mensch ist nicht die einzige Lebensform auf Erden. In der Science-Fiction-Satire »Planet B« muss er sich der Konkurrenz stellen. Das Stück von Yael Ronen und Itai Reicher lädt am LTT zu apokalyptischem Gelächter ein.
Sie sind unter uns, in der Tat. Wer sich am Freitagabend im Saal des Landestheaters Tübingen niederlässt auf einem Sessel, der kommt nicht umhin, zu gewahren, dass da andere Wesen sind, dem Menschen ähnlich, die sich unters Publikum gemischt haben. Gleich schräg vorne zum Beispiel sitzt eines: silbernes Haar, schulterlang, und spitze Ohren. Das Stück beginnt, die Außerirdischen erheben sich: Sie schreiten auf die Bühne. Stimmen singen in sakralem Ton Paul Simons »Sound of Silence«, wildes Theremin-Spiel erklingt dazu.
Die Außerirdischen wundern sich sehr über die Menschen, die vor sehr langer Zeit lebten und sich für die Krone der Schöpfung hielten – »Hätten sie eine Ameise, eine Fledermaus oder eine Ratte gefragt, wären die wahrscheinlich anderer Meinung gewesen.« Die Überheblichkeit zeigte bald schon Früchte, die Erde starb, die Strände waren mit toten Fischen bedeckt - die Außerirdischen singen wie ein angetrunkener Ligeti-Chor, ein Monolith lässt sich nicht blicken, es ist vorbei. Doch halt, hier kommt die Rettung: das Theater. Aus einem flachen, länglichen, elektronischen Relikt, mutmaßlich einer Grabkammer, rekonstruieren die Außerirdischen die letzten Tage der Menschen und erfahren von einem kasachischen Kinderkrankenhausclown, der von anderen Außerirdischen gekidnappt wurde und als Moderator einer kosmischen Gameshow fungierte, in der es darum ging, welche Spezies den Sprung zum Planeten B schaffen würde. Für die Menschheit trat an: Boris Baumann, 52, ein Versicherungsvertreter aus dem Odenwald, mit falschem Haar und falschen Zähnen, im schlecht sitzenden Anzug, mehr als nur ein wenig verwirrt.
Gameshows, nicht nur das »Dschungel-Camp« (»Ich bin ein Star – holt mich hier raus!«), spaßige Wettbewerbe überhaupt, leben vom verschwiegenen Horror. Der Überlebenskampf ist nur gespielt, die gnadenlosen Regeln der Selektion bleiben ohne jede echte Konsequenz. Es darf gefiebert, darf gelacht werden. Thorsten Weckherlin, Intendant am LTT, inszeniert »Plan B« als überschäumend makabren Klamauk, mit Schauspielern, die in ihren skurrilen Rollen voll hinreißender Komik aufgehen. Seine Uraufführung erlebte das Stück von Yael Ronen und Itai Reicher 2023 am Berliner Maxim Gorki. Mit »(R)Evolution« brachte Weckherlin 2021 bereits ein erstes Stück von Ronen auf die Bühne, auch damals gestaltete Jörg Wockenfuß den Abend musikalisch. Bei »Planet B« nun ist Vinzenz Hegemann zuständig für Bühne und Kostüme. Gespielt wird in einem durch eine transparente Pflanzenwand getrennten Raum mit einer Drehtür und einem Loch im Boden, die Gelegenheit für Ab- und Auftritte geben.
In »Planet B« geht es ums Ganze, das heißt: ums Überleben der Spezies. Sehr komisch daran ist alleine schon, dass die eine oder andere Spezies keine große Ambition verspürt. Das Panda-Weibchen ist der eigenen Niedlichkeit so überdrüssig, dass es eine akute Depression entwickelt hat. Auch die anderen Pandas sind nicht froh: All die drolligen Sprünge von einem Ast, erfährt man, waren seit jeher nichts als Selbstmordversuche. Die unglückliche Panda-Frau (Friederike Pöschel) singt wunderschön und hat für Fortpflanzung nichts übrig – sie möchte lieber kuscheln.
Ein Geniestreich ist die Fledermaus. Als mürrisch introvertierter, grundsätzlich nicht sehr lebensfroher Singer-Songwriter ohne Publikum wird sie gespielt von Rolf Kindermann, der sich in schwarzen Umhang hüllt und das Tageslicht scheut. Leo Kramer ist das Krokodil, ein urzeitlich grüner Macho-Typ mit Indiana-Jones-Hut, der in der Badewanne schläft. Sarah Liebert entzückt als hitzig verschlagene Füchsin, Sebastian Fink strampelt als bürokratischer Überzeugungstäter auf dem Laufrad seiner Sinnkrise entgegen, und Andreas Guglielmetti hüpft als Huhn im rosa Tüll-Rock aufgeregt über die Bühne, gackert fabelhaft »Dixie Chicken« von Little Feat. Martin Bringmann als Homo sapiens stolpert zwischen ihnen umher und freundet sich tatsächlich mit der Fledermaus an – beide heißen sie ja Boris, ein Zufall. Dürfte das Publikum im LTT entscheiden, welche Lebensform hier das Rennen macht, das Ergebnis würde sehr, sehr knapp ausfallen.
Nach rasant komischem Einstieg verliert »Planet B« am LTT zunächst etwas an Tempo – es kommt, wie es wohl auch im »Dschungel-Camp« kommen muss: Die Teilnehmer beschnuppern sich. Erst langsam baut sich die Dramatik wieder auf. Zuletzt, dies soll dann doch verraten werden, bleibt ausgerechnet der Mensch übrig. Obschon er gar nicht weiß, weshalb. Die Zuschauer, die für ein Weilchen vergessen durften, dass sie derselben peinlichen Spezies angehören, mögen das fast bedauern – haben sie an diesem Abend doch eine ganze Reihe würdigerer und sympathischer Kandidaten kennengelernt. Und das mag dann doch, bei allem Klamauk, zu denken geben.
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