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Science-Fiction-Comedy von Yael Ronen und Itai Reicher · 14+
Schwarzwälder Bote, 17. Februar 2026
Ebenso hintersinnig wie absurd, spöttisch wie doppelbödig
(von Christoph Holbein)
Und am Ende regieren die Bienen
Mit der Inszenierung des Stückes „Planet B“ von Yael Ronen und Itai Reicher gelingt Regisseur Thorsten Weckherlin am Landestheater Tübingen (LTT) eine Science-Fiktion-Komödie, die einen humorvoll-bissigen Blick auf das Projekt „Erde“ wirft.
Das Spiel ist ebenso hintersinnig wie absurd, spöttisch wie doppelbödig: Wir blicken 40 Millionen Jahre in die Zukunft: In einer intergalaktischen Reality-Show, veranstaltet von Aliens als Nachstellung konkreter geschichtlicher Ereignisse vom Ende der Menschheit, kämpft der Mensch gegen Fuchs, Panda, Krokodil, Huhn, Fledermaus und Ameise um das Überleben. Es geht um die Frage, welche irdische Gattung auf den rettenden Planeten B ausgeflogen wird. Damit ist alles angerichtet für ein bunt-skurriles Treiben auf der Bühne, und Regisseur Thorsten Weckherlin ergreift die Chance dieses inszenatorischen Gestaltungsraums und schöpft kreativ kraftvoll aus dem Vollen, spart dabei nicht mit aktuellen Anspielungen: So liegt da ein Skelett, die US-amerikanische Flagge um die Schultern gelegt.
Bitteres Fazit: „Der Mensch hat es vergeigt“
„Der Mensch hat es vergeigt“, lautet das Fazit angesichts des von Menschenhand provozierten Massenartensterbens, bei dem täglich bis zu 150 Tierarten aussterben. Mit Gesang und Musik, mit Slapstick und Spock-Ohren der mit silbernen Lametta-Perücken ausgestatteten Aliens – Vinzenz Hegemann sorgt für fantasievolle Kostüme und ein ebenso lebendiges Bühnenbild – gelingt Weckherlin eine witzige Inszenierung mit sarkastischen Dialogen und einem mehr als ironischen Blick auf die Menschheit und ihr kulturelles Ritual des Theaterspielens.
Die Inszenierung fordert Akrobatik, clowneskes Talent und feinfühliges Interpretieren der tierischen Eigenschaften – vor allem Andreas Guglielmetti als Huhn und Friederike Pöschel als depressiver Panda brillieren – und verlangt von den Schauspielern intensives Agieren, was das gesamte Ensemble stark umsetzt. Das zieht auch das Publikum in den Bann und reißt die Zuschauer mit, die immer wieder mitklatschen. Die tänzerisch passende Choreographie, die aussagekräftige Mimik, die pointierte Gestik und die große Körperbeherrschung lassen die Premiere im großen Saal zu einem theatralischen Erlebnis werden voller Dynamik, Spielfreude und dramaturgischer Lebendigkeit.
Schauspielerische Details
Trotz aller ironischer Überzeichnung, manchmal auch platter, alberner Witzigkeit, trotz allen Wortklamauks und flacher Gags in Kintopp-Manier erreicht denjenigen, der genau hinzuhören versteht und das auch will, die glasklare Botschaft: In den Ozeanen sterben die Tiere, in den Ställen vegetieren die Geschöpfe in Massenhaltung vor sich hin, in den Gehegen verkümmern und verkrüppeln die Lebewesen seelisch zu Schauobjekten. Dazu liefert das Ensemble feine schauspielerische Details und eine authentische Übersetzung der Tiere in Bewegung und Charakter.
Das Spiel auf der Bühne ist unterhaltsam und kurzweilig, gefärbt mit Pointen und angereichert mit entsprechenden passenden Songs. Und um einen besseren Platz zu schaffen, ist manchmal die Evolution „erfolgreicher, wenn etwas nicht überlebt“ oder sich die Verhältnisse umkehren, wenn der Mensch auf dem Planeten B, dem Planeten, auf dem die Bienen regieren, plötzlich selbst zum Objekt wird, an dem herum experimentiert wird.
Am Ende mündet alles in das Show-Finale mit Polonaise durch den Zuschauerraum, Seifenblasen und dem Appell auf den T-Shirts der Crew: „Rettet die Kartoffel.“
Reutlinger General-Anzeiger, 16. Februar 2026
(von Thomas Morawitzky)
Überlebenskampf als Gameshow: Die Science-Fiction-Satire »Planet B« am LTT
Der Mensch ist nicht die einzige Lebensform auf Erden. In der Science-Fiction-Satire »Planet B« muss er sich der Konkurrenz stellen. Das Stück von Yael Ronen und Itai Reicher lädt am LTT zu apokalyptischem Gelächter ein.
Sie sind unter uns, in der Tat. Wer sich am Freitagabend im Saal des Landestheaters Tübingen niederlässt auf einem Sessel, der kommt nicht umhin, zu gewahren, dass da andere Wesen sind, dem Menschen ähnlich, die sich unters Publikum gemischt haben. Gleich schräg vorne zum Beispiel sitzt eines: silbernes Haar, schulterlang, und spitze Ohren. Das Stück beginnt, die Außerirdischen erheben sich: Sie schreiten auf die Bühne. Stimmen singen in sakralem Ton Paul Simons »Sound of Silence«, wildes Theremin-Spiel erklingt dazu.
Die Außerirdischen wundern sich sehr über die Menschen, die vor sehr langer Zeit lebten und sich für die Krone der Schöpfung hielten – »Hätten sie eine Ameise, eine Fledermaus oder eine Ratte gefragt, wären die wahrscheinlich anderer Meinung gewesen.« Die Überheblichkeit zeigte bald schon Früchte, die Erde starb, die Strände waren mit toten Fischen bedeckt - die Außerirdischen singen wie ein angetrunkener Ligeti-Chor, ein Monolith lässt sich nicht blicken, es ist vorbei. Doch halt, hier kommt die Rettung: das Theater. Aus einem flachen, länglichen, elektronischen Relikt, mutmaßlich einer Grabkammer, rekonstruieren die Außerirdischen die letzten Tage der Menschen und erfahren von einem kasachischen Kinderkrankenhausclown, der von anderen Außerirdischen gekidnappt wurde und als Moderator einer kosmischen Gameshow fungierte, in der es darum ging, welche Spezies den Sprung zum Planeten B schaffen würde. Für die Menschheit trat an: Boris Baumann, 52, ein Versicherungsvertreter aus dem Odenwald, mit falschem Haar und falschen Zähnen, im schlecht sitzenden Anzug, mehr als nur ein wenig verwirrt.
Gameshows, nicht nur das »Dschungel-Camp« (»Ich bin ein Star – holt mich hier raus!«), spaßige Wettbewerbe überhaupt, leben vom verschwiegenen Horror. Der Überlebenskampf ist nur gespielt, die gnadenlosen Regeln der Selektion bleiben ohne jede echte Konsequenz. Es darf gefiebert, darf gelacht werden. Thorsten Weckherlin, Intendant am LTT, inszeniert »Plan B« als überschäumend makabren Klamauk, mit Schauspielern, die in ihren skurrilen Rollen voll hinreißender Komik aufgehen. Seine Uraufführung erlebte das Stück von Yael Ronen und Itai Reicher 2023 am Berliner Maxim Gorki. Mit »(R)Evolution« brachte Weckherlin 2021 bereits ein erstes Stück von Ronen auf die Bühne, auch damals gestaltete Jörg Wockenfuß den Abend musikalisch. Bei »Planet B« nun ist Vinzenz Hegemann zuständig für Bühne und Kostüme. Gespielt wird in einem durch eine transparente Pflanzenwand getrennten Raum mit einer Drehtür und einem Loch im Boden, die Gelegenheit für Ab- und Auftritte geben.
In »Planet B« geht es ums Ganze, das heißt: ums Überleben der Spezies. Sehr komisch daran ist alleine schon, dass die eine oder andere Spezies keine große Ambition verspürt. Das Panda-Weibchen ist der eigenen Niedlichkeit so überdrüssig, dass es eine akute Depression entwickelt hat. Auch die anderen Pandas sind nicht froh: All die drolligen Sprünge von einem Ast, erfährt man, waren seit jeher nichts als Selbstmordversuche. Die unglückliche Panda-Frau (Friederike Pöschel) singt wunderschön und hat für Fortpflanzung nichts übrig – sie möchte lieber kuscheln.
Ein Geniestreich ist die Fledermaus. Als mürrisch introvertierter, grundsätzlich nicht sehr lebensfroher Singer-Songwriter ohne Publikum wird sie gespielt von Rolf Kindermann, der sich in schwarzen Umhang hüllt und das Tageslicht scheut. Leo Kramer ist das Krokodil, ein urzeitlich grüner Macho-Typ mit Indiana-Jones-Hut, der in der Badewanne schläft. Sarah Liebert entzückt als hitzig verschlagene Füchsin, Sebastian Fink strampelt als bürokratischer Überzeugungstäter auf dem Laufrad seiner Sinnkrise entgegen, und Andreas Guglielmetti hüpft als Huhn im rosa Tüll-Rock aufgeregt über die Bühne, gackert fabelhaft »Dixie Chicken« von Little Feat. Martin Bringmann als Homo sapiens stolpert zwischen ihnen umher und freundet sich tatsächlich mit der Fledermaus an – beide heißen sie ja Boris, ein Zufall. Dürfte das Publikum im LTT entscheiden, welche Lebensform hier das Rennen macht, das Ergebnis würde sehr, sehr knapp ausfallen.
Nach rasant komischem Einstieg verliert »Planet B« am LTT zunächst etwas an Tempo – es kommt, wie es wohl auch im »Dschungel-Camp« kommen muss: Die Teilnehmer beschnuppern sich. Erst langsam baut sich die Dramatik wieder auf. Zuletzt, dies soll dann doch verraten werden, bleibt ausgerechnet der Mensch übrig. Obschon er gar nicht weiß, weshalb. Die Zuschauer, die für ein Weilchen vergessen durften, dass sie derselben peinlichen Spezies angehören, mögen das fast bedauern – haben sie an diesem Abend doch eine ganze Reihe würdigerer und sympathischer Kandidaten kennengelernt. Und das mag dann doch, bei allem Klamauk, zu denken geben.
cul-tu-re.de, 14. Februar 2026
Erfrischend anarchische Bühnenkost
(von Martin Bernklau)
Besser aussterben
Das Tübinger Landestheater juxt mit Yael Ronens „Planet B“ locker und übermütig über all das Apokalyptische ab
Das befreit, das tut gut – den Schauspielern, den Theatermachern, dem Publikum: all die drohenden Weltuntergänge mal hemmunngslos zu verjuxen.. „Planet B“ von Yael Ronen und Itai Reicher ist eine „Science-Fiction-Komödie“, eine gnadenlos alberne Fabel, die ein finales „Massenaussterben“ zu einer Art Dschungelcamp-Contest der Arten macht. Mittendrin: der Mensch, in Gestalt des Versicherungsvertreters Boris Baumann. Am Freitagabend war die Premiere für Thorsten Weckherlins knallbunte Inszenierung in einem nicht ganz ausverkauften Großen Saal des LTT.
Für SciFi muss man ausgestattet sein. Das Intro geht ungefähr so: Aus dem Publikum erheben sich Aliens unter Lametta-Perücken, die einen splitternackten Max Schrammel aus Bottrop (Max Bajohr) und sein IPhone als archäologische Quelle auf der Bühne in ihre Mitte nehmen für ihr Vorhaben, sieben „Humanoiden“ beim unabwendbaren Massenaussterben die Chance für ein Weiterleben auf einem Planeten B zu bieten: einem Fuchs namens Juri (Sarah Liebert), der völlig frigiden Panda-Frau Friederike Pöschel, Leo Kramer als Krokodil, dem Huhn Andreas Guglielmetti, der Fledermaus Rolf Kindermann, der Ameise Sebastian Fink und besagtem Boris (Martin Bringmann).
Auch als Hausregisseurin am Berliner Maxim Gorki Theater hat die Israelin Yael Ronen für Furore gesorgt. Ihren von viel Improvisation, von Offenheit und Open End geprägten Stil hat sie auch auf das zusammen mit Itai Reicher fixierte Work-in-Progress-Stück „Planet B“ angewendet, das all die grassierenden Weltuntergangs-Ängste auf den Arm und mit ins rettende Raumschiff nimmt. Der theatralische Jux um die Apokalypse hatte im Sommer 2023 seine gefeierte Premiere am „Gorki“ in Berlin Mitte.
Viel Freiheit und Anarchie schon beim Blick auf Bühne und Kostüme (Ausstattung: Vincenz Hagemann). Da kann die Fantasie schon weit in ferne Welten schweifen. Manches bleibt mit einem Rest von Rätsel offen wie dieses Strampel-Fahrrad und die dampfenden Tonnen. Manches ist etwas platt und direkt wie das obligatorische Trump-Bashing mit dem Skelett, das seine Ami-Fahne um die knochigen Schultern trägt. Die kleine Drehbühne spuckt für die Auftritte ihre Kandidaten aus. Manchmal steigen sie auch aus dem Untergrund herauf ans Bühnenlicht unter dem großen Titel „Survivor“. Manchmal wartet man bei diesem Casting direkt auf einen ablästernden Dieter Bohlen.
Diese plakativen Einzelauftritte bieten eine Menge Möglichkeiten, revuehaft Schauspiel-Kunst als kleines Solo zu zeigen. Allerdings kaschieren sie auch die Schwäche des Konzepts und des Stücks. Da ist wenig Szenisches zu verdichten und bloß eine Menge Performance gefragt. Das betrifft auch den Text. Der Plot bietet wenig Spannung. Bei all der Fülle an wortwitzigen Gags hat er doch keine durchgängige Kraft. Es gibt Längen. Die etwas schlichte SciFi-Story trägt nicht ganz durch. Komödie mit getimeten Pointen statt gereihter Witze müsste mehr bieten.als „Witzischkeit“ – der Mensch-Humanoid Boris setzt da auch seinen hessischen oder odenwäldlerischen Zungenschlag ein. Die Musik von Jörg Wockenfuß hält zwar auch in den Songs das hohe LTT-Niveau, wirkt zuweilen aber auch etwas beliebig.
Alles in Allem: amüsante, erfrischend anarchische Bühnenkost, die sich ein bisschen halbsatirisch locker macht, statt vertiefter Grübelei über die Apokalypse zu frönen. Allerdings auch mehr knallbunte Comedy, weniger subtile Komödie. Eine nette Fingerübung. Ohne Zeigefinger.
Langer Beifall, Jubel, eine Polonaise rund ums Publikum.
Nachtkritik.de, 14. Februar 2026
Ein Text, der vor virtuos eingesetztem Wortwitz nur so strotzt
(von Verena Großkreutz)
Den Untergang genießen
In Yael Ronens und Itai Reichers Klimakatastrophenkomödie "Planet B" kämpfen die Arten gegeneinander. Thorsten Weckherlin inszeniert die intergalaktische Spielshow in Tübingen mit Dschungelcamp-Atmosphäre und maximal bunt, auf dass einem das Lachen vergeht.
Nie war Artensterben lustiger", wirbt das Landestheater Tübingen für seine Premiere von "Planet B". Die schräge Sci-Fi-Klimakatastrophenkomödie von Yael Ronen und Itai Reicher wurde 2023 im Berliner Maxim Gorki Theater uraufgeführt und wird seitdem auf deutschen Bühnen viel gespielt. Lachen über das menschengemachte Artensterben, das immer mehr Fahrt aufnimmt? Weiß nicht so recht. Mein Humor setzt Grenzpfähle, wenn es um unumkehrbares Grauen geht. Auch wenn ein Text – wie im Falle von "Planet B" – vor virtuos eingesetztem Wortwitz nur so strotzt. Aber schauen wir mal.
Jeder gegen jeden
Der Versicherungsvertreter Boris Baumann, von Außerirdischen entführt, kämpft in "Planet B" jedenfalls in einer intergalaktischen Gameshow ums Überleben: für die Menschheit und gegen Panda, Fledermaus, Huhn, Ameise, Fuchs und Krokodil. Die sind ihm in seiner "Todesgruppe – Einheit H" zugewiesen worden – innerhalb einer Show, in der alle Arten der Erde gegeneinander antreten müssen. Wer verliert, ist eigentlich schnurz. Wichtiger sind die Gewinner: Zurück auf die Erde dürfen am Ende der völlig unreflektierte, tumbe, unempathische Baumann und die kurz vor dem Burnout stehende Ameise.
Letztere kann sich immerhin auf ihr Wir-Gefühl und eine perfekt funktionierende Ameisen-Diktatur verlassen. Für Baumann bleibt nur der Planet B, wo Bienen ihn als Forschungsobjekt nutzen könnten – das schlägt ihm der Ober-Alien-Clown jedenfalls vor. Denn die Erde ist dank Klimawandel längst menschenleer gefegt. Dort war die Zeit schneller vergangen als im Show-UFO. Beachte die Lichtgeschwindigkeit, wenn du auf Weltraumreise gehst!
Was sitzt im Baum und weint?
Thorsten Weckherlin, Intendant des Tübinger Landestheaters, hat "Planet B" inszeniert. Der Abend beginnt brillant: mit dem Säuselgesang eines Theremins, das auch noch 105 Jahre nach seiner Erfindung spacig und hip klingt, weil es berührungslos gespielt wird. Seine irre Stimme kontrapunktiert die in diesem Zusammenhang subtextige Simon & Garfunkel-Schnulze "Hello darkness, my old friend" – im Chor gesungen vom Sextett der Aliens, die alle Glitzer-Lametta-Perücken tragen und große Spitzohren. Sie saßen vor Beginn noch im Publikum und verwandeln sich nach Absolvierung der Chornummer flugs in ihre Tierrollen – wobei ihr Umkleiden durch schön platte Witze überbrückt wird ("Was sitzt im Baum und weint? Eine Heule!").
Inszenierungsidee Weckherlins: Das tödliche Auswahlverfahren findet nicht im Rahmen einer futuristischen Gameshow statt, sondern als Dschungelcamp. Den Bühnenhintergrund ziert dementsprechend ein tropisches Blättermeer, in dem später ein Lagerfeuer flackert, oben drüber der Schriftzug "Zurvivor". Ansonsten viel Sperrmüll: alte Teppiche, eine ranzige Matratze, ein Menschenskelett umhüllt von der US-Flagge, befeuerte Tonnen. Eine:n Moderator:in gibt es im Dschungelcamp nicht. Dementsprechend kommen die Anweisungen, alienmäßig verzerrt, aus dem Off.
Die Kontrahent:innen bleiben unter sich. Da gibt's einige Lachnummern. Martin Bringmann spielt Boris Baumann derart einfältig, dass man sich ein bisschen wie in einer Fastnachtssitzung fühlt. Er babbelt hessisch und krönt seinen ersten Auftritt durch Körperkomik: rennt gegen Wände und stolpert, virtuos einen halbierten Klappstuhl umarmend, über besagte Matratze. Der gute alte Slapstick: Wird er so präzise gemeistert, funktioniert er halt immer.
Kampf ums Überleben
Die Tiere, die um ihr Überleben kämpfen (sie sollen unterhalten und deutlich machen, dass sie unersetzbar sind auf der Erde), stecken in entsprechend animalischen Kostümen mit Tierköpfen. Sie verhalten sich aber meist wie Menschen, sieht man einmal ab von Andreas Guglielmetti, der als Huhn gerne mal gackert und auf seinen Stöckelschuhen oft so wackelig balanciert, dass seine Laufart dem kleinschrittigen Staksen der Hühner durchaus ähnelt. Auch Rolf Kindermann als Fledermaus zeigt tierisches Verhalten, wenn er sich in seine Flügel einschalt oder mit den Füßen nach oben chillt. Er macht als melancholischer, todessehnsüchtiger Liedermacher wirklich eine gute Figur – mit toller Stimme und professioneller Gitarrenselbstbegleitung.
Macho-Krokodil Leo Kramer – mit dicker Goldkette und Bikerstiefeln – erfreut durch eine lässig hingeworfene "Sex Bomb"-Songeinlage. Ameise Sebastian Fink unterstreicht ihre Nützlichkeit gerne im Passagier-Anleitungsmodus einer Lufthansa-Stewardess. Sarah Liebert als woke Berliner Influencer-Füchsin liebt dagegen die schrillen Töne, und Friederike Pöschel als Panda unterstreicht dessen phlegmatische Schicksalsergebenheit menschlich absolut authentisch.
Das Lachen vergeht
An der Spielfreude des Ensembles liegt es also nicht, dass das Tempo nach der ersten rasanten Hälfte Stück für Stück abnimmt und letztlich zum Erliegen kommt. Was vermutlich an der inszenierten Dschungelcamp-Atmo liegt. Ihr fehlt die Struktur der Gameshow mit Moderator:in. Das Huhn etwa schleicht ständig arbeitslos durch die Szene. Der Panda horcht eine gefühlte Ewigkeit an der Matratze, ebenso lange döst die Ameise vor sich hin, schlapp an eine große Topfpflanze gelehnt. Und wenn man dann fast selbst schon eingeschlafen ist, fallen plötzlich Ameise und Fledermaus in erotischer Begierde übereinander her. Aber zu spät. Die Fledermaus wird aussortiert.
Das Lachen vergeht einem, keine Frage. Aber eben nicht nur wegen des Themas, sondern auch wegen der stetigen Tempo-Verlangsamung. Und warum bloß muss man in den Schlussapplaus hinein in Polonaisen-Formation "Das ganze Leben ist ein Quiz" grölen und damit das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen nötigen? Das ist dann wirklich Fastnachtssitzungsniveau. Helau!
Schwäbisches Tagblatt, 14. Februar 2026
Eine bitterbös-superlustige Gameshow
(von Peter Ertle)
Kreuzfideles Massenaussterben
Karneval der Tiere: „Planet B“ von Yael Ronen und Itai Reicher, eine bitterbös-superlustige Gameshow, wird am LTT mit den bekannten LTT-Ingredienzen zum nächsten Stück fürs akademischere Bierzelt.
Das Beste an dieser Inszenierung: Boris Baumann, Hessen-Archetyp, Martin Bringmann muss sich damit nicht hinter Hape Kerkelings Horst Schlämmer verstecken. Nach Baumann kommt eine Zeitlang nichts, dann folgen allerdings gleich sieben tierisch gute Silbermedaillen, wir sind nicht in Cortina d‘Ampezzo, aber ein Wettkampf ist es doch: Aliens aus dem Weltall übernehmen angesichts der vom Menschen heruntergewirtschafteten Erde das Zepter und beschließen, irgendwo zwischen Sparmaßnahme, Sanierung und Rache, dass die bisher dort lebenden Geschöpfe verschwinden müssen. Nur zwei sollen ungeschoren davonkommen. Wer, das soll in einer Gameshow, einem Dschungelcamp der Arten ausgefochten werden.
Die Bronzemedaille wiederum geht an die Aliens, die eingangs in ferner Zukunft ein in Bernstein gegossenes Handy finden, über dessen Funktion sie so irrige wie belustigende Vermutungen anstellen wie über den Menschen, der es besessen haben muss, ein gewisser Max Schrammel. Die Aliens sehen alle so aus, als würden sie beim Hirschauer Narrenumzug mitlaufen. Trotzdem möchte das LTT das Stück auch noch nach dem Aschermittwoch aufführen.
Klar, das gesamte Szenario ist eine bitterböse Kapriole. Wie zum Hohn und zum Beweis hat Donald Trump, der den LTT-Spielplan offenbar genau studiert, einen Tag vor der Tübinger Premiere die Regeln für den Klimaschutz in den USA drastisch aufgeweicht. Vermutlich wird er Thorsten Weckherlin auf Truth Social einen Loser nennen, weht in dessen Inszenierung doch am linken vorderen Bühnenrad tatsächlich eine US-Flagge nah bei einem Gerippe und einer rauchenden Öltonne.
In Wahrheit gibt es keinen Planet B. Yael Ronens und Itai Reichers Untergangs-Arche Noah führt schon im Schicksal der Tiere einiges vor Augen, was der Mensch so verbockt hat, allerdings in Form einer überdrehten Kreuzung aus Science-Fiction und Comedy. Leise Töne oder das sprichwörtlich im Halse steckenbleibende Lachen? Man kann es suchen, man wird es finden, wenn man es bespielen will. Im LTT will man eher nicht. Hier folgt man dem Genre nicht nur, man überfüllt es, schüttet das Stück zu, mit jener publikumsträchtigen Rezeptur, die in dort das Erfolgsrezept vieler Inszenierungen ist. Nennen wir sie mal Max&Fuchs&Schlagertraum.
Und damit zu den noch nicht näher beschriebenen Gewinnern der Silbermedaillen. Diese Inszenierung ist großes Schauspielertheater, man nähert sich ihr am besten über die Rollen – ein einziges Maskenfest im Karneval der Tiere: Sebastian Fink macht die Ameise zu einem entindividualisierten Arbeitstier. Leo Kramers Krokodil ist großer Anhänger des Fressens und Gefressenwerdens, und beklagt nur zwei Dinge: Seine durch die Alien-Internierung problematische Verdauung und das Schicksal eines inzwischen ausgestorbenen Freunds auf Augenhöhe: des weißen Hais.
Sarah Lieberts Berliner Stadtfuchs wird mitten in der Show läufig, verliebt sich in Rolf Kindermanns Fledermaus, vielleicht weil der gleichzeitig ein ganz toller Singer- und Songwriter ist. Auch Andreas Guglielmettis Huhn reüssiert als Solokünstler, legt Ei auf Ei, und hat allen Grund, sich über Degenerierung und die Haltungsform unter menschlicher Dominanz zu beklagen, ist aber im Gegensatz zu Friederike Pöschels Panda darob noch nicht depressiv geworden.
Man sieht: Es geht ganz schön zu in diesem Dschungelcamp, dem Vinzenz Hegemann tolle Kostüme und eine eingebauter Show-Drehbühne gebastelt hat. Und vielleicht hat nicht nur der Ausstatter sich bei der Raumgestaltung für diese Inszenierung von KI beraten lassen, sondern diesmal auch Jörg Wockenfuß bei der Auswahl der Lieder. „In unserem Land dürfte es trübe Abende nicht geben, auch hohe Brücken über die Flüsse“, lässt er sogar Brechts Lied über den Selbstmord in diesen Abend, was wie ein Stilausrutscher klingt. Gleich danach will er mit Michael Jackson „a better place für you and for me“ draus machen. Darauf muss man erst mal kommen. Auch das Simon&Garfunkel-Intro und Outro „Sounds of Silence“ klingt angesichts dieser karnevalesken Kindertheatervorstellung für Ewachsene seltsam aschermittwöchig, wie auch das Black, das die Szenerie am Ende abrupt in dunkle Nacht taucht.
Also doch: Ein dünner Rand Sentimentalität am Horizont, ein paar Tropfen Katerstimmung. Vielleicht aus alter Gewohnheit der Bildungsanstalt Theater, zumindest als Alibi, um bei all dem Spaß kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Denn eigentlich will man davon aus Gründen der Überlastung endlich, endlich, nichts mehr wissen.
So marschiert am Ende die ganze Arche Noah als menschliche Theaterschlange durch den Saal und das Krokodil fasst Frau Panda von hinten an die Schulter. Mit einem Forschungsergebnis der Aliens gesprochen: „Die Menschen waren sehr gut darin, unangenehme Tatsachen zu ignorieren, aber nicht so gut darin, sie zu überleben.“
