Abonnieren Sie unseren WhatsApp Newsletter!
Um zu starten, müssen Sie nur die Nummer +49 1579 2381622 in Ihrem Handy abspeichern und diesem neuen Kontakt eine WhatsApp-Nachricht mit dem Text "Start" schicken.
Bestandsaufnahme eines Ausstiegs nach der gleichnamigen Autobiografie von Heidi Benneckenstein · 13+
Schwäbisches Tagblatt, 19. Februar 2026
(von Dorothee Hermann)
Dieses Stück haut rein: Mit „Ein deutsches Mädchen“ blickt das Junge LTT ins rechtsextreme Milieu und zeigt beeindruckende Intensität.
Dieses Stück haut rein. Es schickt einen in den schwarzen Tunnel einer bedrückenden Kindheit in einer rechtsextremen Familie. Obwohl es nur etwa 60 Minuten dauert und mit einigen Brechungen arbeitet, bleibt man wie betäubt zurück. Irgendwie nimmt man noch wahr, dass Solo-Darstellerin Sophie Aouami eben wieder in den neutralen blauen Trainingsanzug geschlüpft ist, in dem sie anfangs die Bühne betreten hatte. Doch die lastende Atmosphäre hält sich zäh, obwohl gar nichts mehr passiert und man weiß, dass die Protagonistin es schaffte, das Neonazi-Milieu hinter sich zu lassen. Nun hat sich das Junge LTT, das Kinder- und Jugendensemble des Landestheater Tübingens (LTT), mit dem Stück „Ein deutsches Mädchen – Nach der Autobiografie von Heidi Benneckenstein“ deren Geschichte vorgenommen – bis in selbstschädigende Auswüchse hinein, wenn jugendliche Rechtsradikale sich oder den Freund statt an ihrem Ausbildungsplatz im Gefängnis wiederfinden, wenn sie wieder einmal zugeschlagen haben, weil jemand nicht in ihr Weltbild passte, oder jemand sie stoppen wollte.Die durchschlagende Wirkung kommt auch daher, dass die Inszenierung von Nazli Saremi (Regie, Bühne und Kostüm) der Geschichte der Szene-Aussteigerin Heidi Benneckenstein die persönlichen Umstände und die Todesdaten der Menschen gegenüberstellt, die die rechtsextreme Terrororganisation NSU zwischen 2000 und 2007 ermordete. Und die auch deshalb nicht früher gestoppt wurde, weil niemand sie aufhielt, wie das Stück klarmacht. Damit zeigt es nicht nur eine bizarre Parallelwelt mit verschrobenen Ansichten, sondern ein radikalisiertes Milieu, das Gewalt ermöglicht, mitträgt oder selbst begeht. Saremi ist freie Theaterregisseurin und inszeniert zum ersten Mal am LTT. Dass sie mit dem LTT-Oben die kleinste Bühne am Haus bespielt, verstärkt den beklemmenden Eindruck, mitgefangen und auch mitverantwortlich zu sein.Alles beginnt ziemlich unspektakulär, es sei denn, man ist wegen der beiden Haarteile irritiert, die auf dem Boden liegen, zwei lange schwarzglänzende Zöpfe, die in dem kargen Rahmen etwas Fetischhaftes haben. Es gibt einen einfachen Holztisch und zwei ebensolche Stühle und an der Großleinwand dahinter ein Foto der fünfjährigen Heidi. Blond, schüchtern lächelnd und mit ordentlich geflochtenen Zöpfen, sieht sie aus wie ein Kind aus den 1950er-Jahren, ist aber 1992 geboren. Wie wiederum in der Nachkriegszeit nicht unüblich, wird die Familie völlig vom autoritären Vater beherrscht, der Gehorsam, Disziplin und Durchsetzungsvermögen einfordert, „als wollte er uns auf das Leben in einer feindlichen Umgebung vorbereiten“. Die Dreijährige kommt mit der Familie zum ersten Mal in ein Jugendlager der neonazistisch ausgerichteten, mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Als sie fünf ist, hält sie sich allein mit ihren Schwestern dort auf. In der Grundschule ist sie sofort Außenseiterin, weil alle anderen farbenfrohe Marken-Rucksäcke haben, während sie als einzige mit einem alten Lederranzen dasteht.Zu Hause kann der auf totale Kontrolle versessene Vater dermaßen durchdrehen, dass er beinahe die Wohnung zerlegt. Was letztlich den Anstoß zum Ausstieg der Tochter gibt, fällt vielleicht ein bisschen knapp aus. Als Jugendliche kommen Heidi Zweifel, während sie gleichzeitig Gewalt (noch) gutheißt.Mit beeindruckender Intensität wuppt Aouami die Doppelrolle als Erzählerin und Darstellerin. Es gelingt ihr immer wieder, das Geschehen mit einem Anflug von Distanz anzugehen, wie gl eich am Anfang, als sie sich so vorstellt: „Mein Name ist Sophie Aouami. Heute spiele ich für euch Heidi Benneckenstein.“ Archiv-Aufnahmen, Videos und Video-Schnipsel mit O-Tönen von Benneckenstein ergänzen die multimediale Szene-Erkundung, die immer wieder die zehn Menschen in den Blick rückt, die der sogenannte NSU ermordet hat.
Reutlinger General-Anzeiger, 18. Februar 2026
Ausstieg aus der Neonazi-Szene: »Ein deutsches Mädchen« am LTT
(von Christoph B. Ströhle)
Heidi Benneckenstein schildert in einem Buch ihren Ausstieg aus der Neonazi-Szene. Am LTT ist aus ihrem Bericht ein Bühnenstück entstanden.
"Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse sitzen bei der Premiere des Stücks in der Ofterdinger Burghof-Schule vor der Schauspielerin, verfolgen den mit kleinen Spielszenen angereicherten Bericht still und mit gespanntem Interesse. Die LTT-Produktion wird zwar auch im Theater in Tübingen gespielt, ist aber nicht zuletzt für den Einsatz im Klassenzimmer gedacht, wo das Gesehene in Nachgesprächen vertieft wird."
Cul-Tu-Re Blog, 12. Februar 2026
(von Martin Bernklau)
In der Ofterdinger Burghof-Schule hatte „Ein deutsches Mädchen“ Premiere, das Solo der LTT-Schauspielerin Sophie Aouami über eine Kindheit und Jugend im Neonazi-Milieu
Die Premiere fand am Donnerstagvormittag an einem angemessenen Ort statt: in der Ofterdinger Burghof-Schule. Eine zehnte Klasse der Gemeinschaftsschule war beim LTT-Gastspiel „Ein deutsches Mädchen“ mit Sophie Aouami zugegen. Regie, Bühne und Kostüme oblagen Nazli Saremi. Den gleichnamigen autobiografischen Text von Heidi Benneckenstein hatte für das Tübinger Landestheater Bo Wilschnack dramatisiert.
Die meterlangen braunen Zöpfe binden die Hauptfigur an ihre dörfliche Herkunft aus einer völkisch gesinnten Familie in einem bayerischen Dorf bei Fürstenfeldbruck. Die 1992 geborene Heidi Benneckenstein gab ihrem Buch, das zum Bestseller wurde, den Untertitel „Mein Leben in einer Neonazi-Familie“. Es ist nicht nur der Bericht über ihre Kindheit und Erziehung in einem Elternhaus (aus dem Milieu von Nazi-Nostalgikern um eine längst verbotene Gruppe namens „Heimattreue Deutsche Jugend“), das zwar völlig abgedreht ist, aber noch nicht kriminell.
Die spätere Aussteigerin kam in ihrer Jugend aber gefährlich nah heran an Aktivisten um die mörderischen Neonazi-Terroristen des sogenannten NSU, dessen wahllose Mordserie an Migranten erst mit dem Selbstmord der Täter im Jahr 2011 und der Verurteilung der Komplizin Beate Zschäpe (und anderer) anno 2018 endete. Erst nachdem diese Heidi mit ihrem Freund Felix im „Braunen Haus“ zu Jena schon dem später verurteilten Waffenbeschaffer der Mörder-Clique begegnet war, entschließt sich das Paar zum Ausstieg.
Es ist eine schwierige Aufgabe für die Darstellerin und ihre Regie, einen solchen Bericht, der als Text noch dazu im Ton relativ nüchtern und sachlich gehalten ist, zu einem Stück zu machen, das etwas mehr hergibt als eine szenische Lesung. Die Beherrschung und Gestaltung dieses Textes aber ist unabdingbare Voraussetzung dafür. Und das kann Sophie Auouami. Auch die Regie lässt ihr Spannungspausen und ein paar bescheidene ins Symbolische gehende szenische Beigaben mit ein paar wenigen Requisiten, von denen die Zöpfe das Stärkste sind. Dirndl, Ferienlager-Rucksack und die datierten Bild-und-Ton- oder Videoeinspieler nutzt die Inszenierung auch. Ansonsten: sehr plastische, in ein paar Wutausbrüchen vielleicht etwas überdreht laute Sprache.
Mit der späten Kenntnis der mörderischen Brandanschläge von Mölln und Solingen um 1992/1993, von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen aus der Zeit ihrer Geburt, kommen der jugendlichen Heidi erste Zweifel an ihrer tief anerzogenen Nazi-Gesinnung. Die Trennung der Eltern, eine Knaststrafe, die ihr Freund Felix zu verbüßen hat, eine geschmissene Ausbildung tun vielleicht ein Übriges.
Aber „Solingen“ ist ein Stichwort, das ein Problem des Stücks zeigt: Dem fremdenfeindlichen Anschlag von 1992, also vor 33 Jahren, mit fünf toten türkischen Frauen und Kindern folgten im Jahr 2024 zwei weitere Anschläge dort: die Brandstiftung eines obdachlosen Drogensüchtigen gegen das Haus, aus dem er herausgeworfen worden war (mit ebenfalls fünf Toten), und das Messerattentat eines muslimischen, sunnitisch-syrischen IS-Djihadisten, bei dem drei Menschen massakriert und viele durch gezielte Stiche Richtung Hals teils lebensgefährlich verletzt wurden.
Es ist sicher richtig, der durch den NSU ermordeten Migranten (und der Polizistin Michèle Kiesewetter) zu gedenken und nicht zu vergessen, wie notorisch die Ermittler nur völlig falsche, nämlich im migrantischen Mileu der Opfer ansetzende Spuren verfolgten – bis zum Showdown der neonazistischen Mörderclique in Jena und Eisenach. Aber zum Abschluss des Stücks vor den eingeblendeten Fotos der Ermordeten eine Gedenkkerze und ein kleines Blumenbouquet zu drapieren, das streift doch – bei allem Respekt – ein wenig den wohlgesinnten, den gar zu gut gemeinten Kitsch.
Für die wichtigste Zielgruppe des Stücks, die Schüler und Heranwachsenden von heute, sollten die historischen, die zeitgeschichtlichen Bezüge zumindest nah und nachvollziehbar sein. Die Schilderung einer gehirnwaschenden Erziehung in einem ewiggestrigen, inzwischen geradezu grotesk anmutenden Elternhaus kann sicher auch Erkenntnisgewinne bieten. Aber ob dieses seinerzeitige völkische Neonazi-Milieu samt HJ-haften Ferienlagern noch so lebendig und wirkmächtig ist oder wenigstens an die aktuelle Lebenserfahrung der heutigen Jugendlichen irgendwie anknüpfen kann, daran mögen doch freundlich leise Zweifel erlaubt sein.
