Es fängt an wie ein Spiel. Schon der Stück-Titel „Ich lieb dich“ lässt an den abgenutzten Abzählreim „Er liebt mich, er liebt mich nicht“ denken (reichlich hetero und reichlich patriarchalisch). Wie es weitergeht, muss sich erst zeigen. Man hat aber das Gefühl, dass es nicht auf ein Happy End in irgendeinem siebten Himmel voller rosa Wolken hinausläuft. Auf der Bühne geht es nicht um Gänseblümchen-Orakel und romantische Schwärmereien. Es wird ziemlich schnell ziemlich ernst, als Lia (Fenna Benetz) nicht gleich antwortet, als ihre Freundin Juli (Toni Pitschmann) „Ich lieb dich“ zu ihr sagt und wartet. Man hält den Atem an und fürchtet kurz für Juli. Nicht mehr klein, aber noch nicht Teenie, sind die beiden im idealen Alter, um beste Freundinnen zu sein, die sich sehr mögen, und die doch etwas trennt.
In Lias Zögern deutet sich die Zurückweisung bereits an, die sie gleich äußern wird: „Ich lieb dich nicht“, sagt sie mit fester Stimme. Dass das nicht als vorläufige Neckerei oder als Einstieg in das beliebte Nein-Doch-Spiels zu verstehen ist, zeigt sich, als sie die Zurückweisung wieder und wieder äußert – und zwar so lange, wie Juli versucht, sie zu einer anderen Antwort zu bewegen. Das spielerische Kräftemessen der beiden Kinder wird immer stärker zur kalten Konfrontation, die die Härte der Erwachsenenwelt vorwegnimmt.
Vergleichbare eher sperrige Verhaltensweisen ziehen sich durch das ganze Stück: Auch andere Figuren, die sich nach und nach auf der Bühne materialisieren (allesamt von Fenna Benetz und Toni Pitschmann dargestellt), sind nicht automatisch auf der Wellenlänge der Mädchen. Lia und Juli müssen selbst beurteilen, was sie vom Verhalten und den Sprüchen der Großeltern halten sollen und davon, dass Julis Eltern sich trennen wollen. Beide Mädchen merken genau, dass Lias Eltern ganz anders miteinander umgehen als die von Juli. Beide ahnen, dass Liebe, Erwartung und Zurückweisung Gefühle sind, die selbst für Erwachsene zu heftig werden können. Weil sie über die einzelnen Szenen hinaus in spielerischer Freundschaft verbunden sind, geben die Mädchen allem einen schwingenden Rahmen, der sie (und die Zuschauer) davor bewahrt, zwischendurch ins Bodenlose zu stürzen. Etwa wenn Juli zweifelt: Würden die Eltern sie nur genug lieben, würden sie sich nicht trennen.
Autor Kristo Šagor und ebenso die Inszenierung trauen Kindern einiges zu (Regie: Gil Hoz-Klemme). Sie müssen selber durchschauen, was Erwachsene sagen und tun, sich im Zweifelsfall davon nicht klein machen lassen und für sich selbst einstehen. Auch wenn die Erwachsenen so bestimmend auftreten wie Lias Großmutter, die Kindern aus dem Abstand ihres Alters als erstes stets mit einem kommandomäßigen „Ich sag dir mal was!“ kommt – ganz egal, welches Kind gerade vor ihr steht.
Dass die Freundinnen trotz aller Ambivalenzen zusammengehören, deuten die regenbogenbunten Jeansklamotten an, die beide tragen. Dieselben kräftigen, leicht verfließenden Farben hat auch das einzige Requisit, eine überdimensionierte Jeansjacke, die als Brüstung oder Versteck eingesetzt werden kann (Bühne und Kostüme: Yvonne Schäfer).
Was wie ein Spiel begonnen hat, wandelt sich fast unmerklich zu einer herzzerreißenden Geschichte von Freundschaft und Verlust. Mit eher kargen Mitteln in Szene gesetzt, lebt das Stück von der Intensität der beiden zentralen Figuren und der Furchtlosigkeit, mit der die beiden Mädchen ihre Erkundungen über die Liebe auch dann vorantreiben, wenn es wehtut.