Komödie von Nora Abdel-Maksoud · 15+
Schwarzwälder Bote, 3. Dezember 2025
"Grell und bunt, gegen den Strich gebürstet, gewürzt mit viel enthusiastischer Energie"
(von Christoph Holbein)
Spiel voller Enthusiasmus
Schwäbisches Tagblatt, 2. Dezember 2025
"Sprachlich und ästhetisch ein Vergnügen"
(von Peter Ertle)
Und der Haifisch ohne Zähne
Reutlinger General-Anzeiger, 1. Dezember 2025
(von Martin Zimmermann)
Wenn der Spitzenkandidat ein Leck hat
Inkontinenz als Metapher: Politsatire »Doping« am Tübinger LTT mit Manga-Elementen und neuem Soundtrack
Sylt ist bekannt für eine bröckelnde Küstenlinie und abgehobene Prominente – deshalb ein idealer Ort für eine Politsatire wie das Stück »Doping«, das am Samstag in der LTT-Werkstatt seine Premiere feierte. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein neoliberaler Lokalpolitiker (Andreas Guglielmetti) schwafelt pathetisch mit unpassenden Metaphern aus der klassischen Antike von einem Spendenmarathon, während er die Schließung einer unrentablen Geburtenstation begründet.
Doch plötzlich passiert ihm ein Malheur: Er pinkelt sich in die Hose. Davon soll er nun schnellstmöglichst geheilt werden – in einer Privatklinik, in der auch schon FDP-Grandin Marie-Agnes Strack-Zimmermann behandelt wurde. Dumm nur, dass seine eigene Partei das Gesundheitssystem kaputtgespart hat.
Die Uraufführung der Komödie der 1983 geborenen Münchnerin Nora Abdel-Aksoud war im April 2024 bei den Münchner Kammerspielen. In der Tübinger Inszenierung bekam das Stück, das vor allem die FDP und ihr Politikermilieu auf die Schippe nimmt, im Vergleich zur Münchner Inszenierung zwei Änderungen. Während in München Songs wie »King« von Florence and the Machine und »Hi Ren« des Rappers Ren zentrale Szenen untermalen, gönnte sich das LTT einen elektromusikalischen Soundtrack vom 27-jährigen Theaterkomponisten Hans Könnecke. Teile der Handlung, etwa die Vorgeschichte einiger Protagonisten, werden dabei in Rückblicken in einer Art liturgischem Singsang erzählt.
Außerdem entschied sich Regisseurin Malena Große in Tübingen gegen eine alters- und gendertypische Besetzung, »um gesellschaftliche Fragen von stereotypischen Zuweisungen zu befreien und übergeschlechtlich zu verhandeln«, wie es im Begleitheft zur Vorstellung heißt. In der Praxis heißt das, dass die Männerrolle »Dr. Bob« mit Insa Jebens weiblich besetzt ist. Und dass Gilbert Mieroph die Tochter von Niklas Marian Müller spielt.
Das mag für die Sehgewohnheit klassischer Theaterbesucher gewöhnungsbedürftig sein, ist aber – wie das ganze Stück – eine bewusste Grenzüberschreitung, die die Figuren als Individuen unglaubwürdig macht und sie eher als Allegorien auftreten lässt. Die in der Steiff-Fabrik mit einem Knopf im Ohr als Halb-Teddy geborene Gesine (Robi Tissi Graf) ist eine Figur, die aus einem japanischen Manga stammen könnte. Angeblich kann sie als »Krankheitsnehmerin« wichtigen Leuten durch Umarmung ihre unproduktiven Krankheiten abnehmen.
Auch die Handlung dieses zeitgenössischen Poptheaters entwickelt sich wie in einem Comicheft mit unerwarteten und unrealistischen Wendungen. Die Privatklinik ist eigentlich ein U-Boot, das ähnlich wie der liberale Spitzenkandidat – als Metapher für das System – ein Leck hat. Diese Erzählweise gibt dem 90-minütigen Stück eine gewisse Kurzweil, hat aber den Nachteil, dass wenig Platz ist für Figurenentwicklung.
Die Sozialkritik, die in einigen Monologen angestoßen wird, bleibt in schemenhafte Floskeln, dem Name-Dropping von Susan Sontags Krankheits-Metapher und Statistiken über den Wert unbezahlter Care-Arbeit stecken. Die feministische Revolution erledigt sich innerhalb weniger Minuten von selbst durch das Eintreten der Geburtswehen.
Will das Stück zu viel Moral in zu wenig Spielzeit packen? Möglicherweise funktioniert sozialkritisches Theater der Generation Youtube aber auch genauso: mit viel plakativer Provokation und wenig langatmiger Tiefe.
cul-tu-re.de online, 30. November 2025
"So darf Satire sein: kontrovers und lebendig"
(von Martin Bernklau)
„Doping“ – Satire darf alles