Sabine Weithöner · Foto: Martin Sigmund
Jennifer Kornprobst, Sabine Weithöner, Susanne Weckerle, Robi Tissi Graf, Emma Stratmann · Foto: Martin Sigmund
Sabine Weithöner, Emma Stratmann · Foto: Martin Sigmund
Robi Tissi Graf, Jennifer Kornprobst, Susanne Weckerle · Foto: Martin Sigmund
Jennifer Kornprobst, Susanne Weckerle · Foto: Martin Sigmund
Jennifer Kornprobst, Robi Tissi Graf, Susanne Weckerle Emma Stratmann · Foto: Martin Sigmund
Emma Stratmann, Susanne Weckerle · Foto: Martin Sigmund
Jennifer Kornprobst, Susanne Weckerle, Robi Tissi Graf, Emma Stratmann · Foto: Martin Sigmund
Robi Tissi Graf, Emma Stratmann · Foto: Martin Sigmund
Emma Stratmann, Jennifer Kornprobst, Robi Tissi Graf, Susanne Weckerle · Foto: Martin Sigmund
Jennifer Kornprobst, Emma Stratmann, Robi Tissi Graf, Susanne Weckerle · Foto: Martin Sigmund
Jennifer Kornprobst, Robi Tissi Graf, Sabine Weithöner· Foto: Martin Sigmund
Jennifer Kornprobst, Susanne Weckerle, Sabine Weithöner, Robi Tissi Graf, Emma Stratmann · Foto: Martin Sigmund
Sabine Weithöner, Emma Stratmann, Susanne Weckerle · Foto: Martin Sigmund
Peter Engel

Die Töchter der Orestie

Uraufführung von Maxi Obexer · 16+


Schwäbisches Tagblatt, 17. Februar 2026

Eine starke Uraufführung

(von Peter Ertle)

Der Mann als Nierenstein der Demokratie

Weil Frauen in der Orestie nicht viel zu sagen haben, kommentiert und überschreibt Maxi Obexer das Stück mit „Die Töchter der Orestie“. Eine starke Uraufführung.

Athene, im göttlich orangefarbenen Frauen-Togalook sehr antik und gestrig, bekennt ihr Schwanken, man sieht es bloß nicht mehr vor lauter in Stein gehauenem Statuendasein. Längst ist sie zum Klassiker entschärft, wie jenes Drama, bei dem sie am Ende Recht sprach, ihre Stimme den Ausschlag gab für die Freisprechung des Orest. Die Orestie, geschrieben von Aischylos im Jahr 458 v. Chr., gilt seither als im Drama festgehaltene Zeitenwende, Beginn des Heraustretens aus der Totschlägerreihe, wie das Kafka mal bezeichnete, kurz: Die Geburt der Demokratie.

Allein – Frauen waren damals nicht mitgemeint, stellt Maxi Obexer fest und versucht mit „Die Töchter der Orestie“ eine Überschreibung, Neudiskussion, Infragestellung des Dramas. Angezettelt durch ein Wackeln der Stein auf Stein vor Athene aufgeschichteten Gräberreihen. Wie Untote entsteigen ihnen Iphigenie, von Emma Stratmann als so rosafarbenes wie angriffslustiges Rabauken-Nesthäkchen gegeben; Klytaimnestra, der Susanne Weckerle mütterliche Gefasstheit mit auf den Weg gibt, die beim Clinch mit den Töchtern sehenswert zerbröselt; und Kassandra, von Jennifer Kornprobst roboterhaft behelmt und reserviert, bis ein Herzensbekenntnis zum Öffnen des Visiers führt. Gemeinsam mit der einzig Überlebenden des Dramas, der von Robi Tissi Graf in frotzelnder Abwehr gespielten Elektra, rollt diese Viererbande die Dramengeschichte mit viel Streit, gegenseitigen Schuldzuweisungen und neuen, vom Dramenschreiber nicht vorgesehenen Fragestellungen neu auf.

 

Beutel als Waffen

Allerdings, da reicht auch das Glossar im Programmheft nicht: Wer die Orestie nicht kennt, ist überfordert, muss zuhause nachlesen. Auch ein Nachlesen des Theaterstücks wäre angezeigt, denn dieses glänzende Disputationsdrama ist ein Essay mit den Mitteln des Dialogs, ein logos-zentriertes Lesestück. In dessen Uraufführung unter der Regie Annika Schäfers bilden Steine das zentrale Motiv, mal zu Gräbern aufgeschichtet, mal zur Mauer, mal polemisch zum Nierenstein degradiert. Am Ende eingesammelt in großen Netzen, die Theorie einer feministischen Kulturwissenschaftlerin versinnbildlichend, nach der nicht die Waffe, sondern der Beutel am Anfang aller Kultur stand.

Dass die Steine (Bühne: Swantje Silber) nur aus Styropor sind, wird genauso thematisiert wie die Materialität der eigenen Biographie: Alles nur Worte, die der Dichter Aischylos einst schrieb. Oder später ein übersetzender, kommentierender Walter Jens, ein inszenierender Peter Stein. Lauter Männer. Und alle sehr auf der Gedankenstraße unterwegs, die ihnen Aischylos gepflastert hat, vor bald 2500  Jahren, als wäre seither nichts passiert. Es ist zweifellos schlecht bestellt um die Frauen, die auf dem screen noch eine weitere Schicksalsschwester aus dem Hallraum der Zukunft erhalten: Nancy Pelosi. Filmaufnahmen zeigen sie im Weißen Haus, die Erstürmung des Kapitols ist bereits in vollem Gange.

 

Iphi im Schwesterzwist

„Lesestück“ meint übrigens nicht papieren. Die Reden und Beziehungen stecken voller Dramatik, voller Emotion. Zwischen Elektra und Klytaimnestra tobt ein ausgewachsener Mutter-Tochter-Konflikt, zwischen Elektra und Iphi, wie sie hier familiär genannt wird, ein schwerer Schwesterzwist. Klytaimnestra wiederum geht Kassandra wegen derer haarsträubenden, feindseligen Äußerungen an. Kassandras Grund, den wir dann erfahren: Das Nichtzulassenkönnen ihres (lesbischen) Begehrens, das sich auf Klytaimnestra richtete. Die Verhaltenspsychologie der Figuren gäbe das druchaus her, als Möglichkeit, bei Orest: unmöglich.

Dass der Femizid der patriarchalen Kriegslogik zugrundeliegt, wie es im Programmheft heißt, müsste man allerdings noch komplettieren: Von der Ilias über die Bibel wurden auch Söhne vielfach geopfert, das Duell (nur zwischen Männern) war lange Zeit fester Bestandteil abendländischer Kultur, bis heute werden fast ausschließlich Männer in den Krieg geschickt und die Genozide dieser Welt haben zwischen Mann und Frau noch nie einen großen Unterschied gemacht. Bislang fehlt der Mann, der vor diesem Hintergrund eine bestehende Heldengeschichte aus dem Stückkanon überschreibt. Und damit zurück zur Premiere am LTT:

 

Demokratie wagen

Einige umgangssprachliche Einsprengsel in den Dialogen machen den klassisch anmutenden Text porös, lassen heutige Welt ein. Dafür sorgen auch Zitate von Hannah Arendt, Nan Goldin, Texte von Kae Tempest, Songs von Michelle Gurevich. Jennifer Kornprobst untermalt das teils mit Akkordeon. Viel Frauenpower, feministische Lesart: Von Schauspielerinnen über Regie, Bühne, Ausstattung, Soufflage bis zur Dramaturgie war kein Mann an der Produktion beteiligt. Was irgendwann mal bundesweit das erste Mal und grandios war, ist mittlerweile allein im beschaulichen Tübingen die fünfte Inszenierung innerhalb weniger Jahre, für die solches gilt. Vielleicht wäre es bei so einem Projekt das nächste Mal auch wieder schön und richtig, Männer einzubeziehen, als Hinweis darauf, dass es hier in erster Linie um eine politische Haltung, und wo doch um Geschlecht, eben um gender geht und letztlich nicht um das biologische Geschlecht.

Zurück zum Stück: Hier ist es Elektra, die am Ende, als sie die Wahrheit über den trojanischen Krieg erfährt, Neues schaffen kann, könnte. Wie es aussieht? Wir wissen es nicht. Aber das Star Wars zitierende Design in der Kuppel über dem Geschehen müsste wohl weichen, vielleicht zugunsten des anderen Kuppelelements: Sonnebeschienen wandelnde Wolken, oder sind's schneeweiße, ziehende Beutel, Fruchtbarkeit sammelnd, günstige Winde, für die keine Tochter mehr geopfert werden muss, niemand mehr gejagt, und nirgendwo ein Jäger. Ein Nichtort.

Dass er am Ende dieser Inszenierung auf den Namen Demokratie getauft wird, kehrt einerseits zur Orestie-Rezeption zurück, ist andererseits ein überraschend allgemeiner und unerwartet politisch-aktueller Dreh. Seine Schaffung den Zuschauern appelativ ans Herz zu legen, wirkt am Ende fast schon brechtisch. Man lässt es sich in Zeiten wie diesen gefallen.


[schliessen]


Die Deutsche Bühne, 15. Februar 2026

Ein rasanter Diskurs durch die Demokratiegeschichte

(von Manfred Jahnke)

Demokratie aus Blut entstanden

[mehr lesen]


Reutlinger General-Anzeiger, 15. Februar 2001

Feministisch wie selten präsentiert sich das LTT

(von Christoph B. Ströhle)

Kultur des einander Sehens: »Die Töchter der Orestie« am LTT uraufgeführt. Starkes Diskurstheater bietet Maxi Obexer mit ihrer Klassiker-Fortschreibung »Die Töchter der Orestie«. 

[mehr lesen]






© 2016     Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen Barrierefreiheit | Impressum