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Uraufführung von Maxi Obexer · 16+
Schwäbisches Tagblatt, 17. Februar 2026
(von Peter Ertle)
Der Mann als Nierenstein der Demokratie
Weil Frauen in der Orestie nicht viel zu sagen haben, kommentiert und überschreibt Maxi Obexer das Stück mit „Die Töchter der Orestie“. Eine starke Uraufführung.
Athene, im göttlich orangefarbenen Frauen-Togalook sehr antik und gestrig, bekennt ihr Schwanken, man sieht es bloß nicht mehr vor lauter in Stein gehauenem Statuendasein. Längst ist sie zum Klassiker entschärft, wie jenes Drama, bei dem sie am Ende Recht sprach, ihre Stimme den Ausschlag gab für die Freisprechung des Orest. Die Orestie, geschrieben von Aischylos im Jahr 458 v. Chr., gilt seither als im Drama festgehaltene Zeitenwende, Beginn des Heraustretens aus der Totschlägerreihe, wie das Kafka mal bezeichnete, kurz: Die Geburt der Demokratie.
Allein – Frauen waren damals nicht mitgemeint, stellt Maxi Obexer fest und versucht mit „Die Töchter der Orestie“ eine Überschreibung, Neudiskussion, Infragestellung des Dramas. Angezettelt durch ein Wackeln der Stein auf Stein vor Athene aufgeschichteten Gräberreihen. Wie Untote entsteigen ihnen Iphigenie, von Emma Stratmann als so rosafarbenes wie angriffslustiges Rabauken-Nesthäkchen gegeben; Klytaimnestra, der Susanne Weckerle mütterliche Gefasstheit mit auf den Weg gibt, die beim Clinch mit den Töchtern sehenswert zerbröselt; und Kassandra, von Jennifer Kornprobst roboterhaft behelmt und reserviert, bis ein Herzensbekenntnis zum Öffnen des Visiers führt. Gemeinsam mit der einzig Überlebenden des Dramas, der von Robi Tissi Graf in frotzelnder Abwehr gespielten Elektra, rollt diese Viererbande die Dramengeschichte mit viel Streit, gegenseitigen Schuldzuweisungen und neuen, vom Dramenschreiber nicht vorgesehenen Fragestellungen neu auf.
Beutel als Waffen
Allerdings, da reicht auch das Glossar im Programmheft nicht: Wer die Orestie nicht kennt, ist überfordert, muss zuhause nachlesen. Auch ein Nachlesen des Theaterstücks wäre angezeigt, denn dieses glänzende Disputationsdrama ist ein Essay mit den Mitteln des Dialogs, ein logos-zentriertes Lesestück. In dessen Uraufführung unter der Regie Annika Schäfers bilden Steine das zentrale Motiv, mal zu Gräbern aufgeschichtet, mal zur Mauer, mal polemisch zum Nierenstein degradiert. Am Ende eingesammelt in großen Netzen, die Theorie einer feministischen Kulturwissenschaftlerin versinnbildlichend, nach der nicht die Waffe, sondern der Beutel am Anfang aller Kultur stand.
Dass die Steine (Bühne: Swantje Silber) nur aus Styropor sind, wird genauso thematisiert wie die Materialität der eigenen Biographie: Alles nur Worte, die der Dichter Aischylos einst schrieb. Oder später ein übersetzender, kommentierender Walter Jens, ein inszenierender Peter Stein. Lauter Männer. Und alle sehr auf der Gedankenstraße unterwegs, die ihnen Aischylos gepflastert hat, vor bald 2500 Jahren, als wäre seither nichts passiert. Es ist zweifellos schlecht bestellt um die Frauen, die auf dem screen noch eine weitere Schicksalsschwester aus dem Hallraum der Zukunft erhalten: Nancy Pelosi. Filmaufnahmen zeigen sie im Weißen Haus, die Erstürmung des Kapitols ist bereits in vollem Gange.
Iphi im Schwesterzwist
„Lesestück“ meint übrigens nicht papieren. Die Reden und Beziehungen stecken voller Dramatik, voller Emotion. Zwischen Elektra und Klytaimnestra tobt ein ausgewachsener Mutter-Tochter-Konflikt, zwischen Elektra und Iphi, wie sie hier familiär genannt wird, ein schwerer Schwesterzwist. Klytaimnestra wiederum geht Kassandra wegen derer haarsträubenden, feindseligen Äußerungen an. Kassandras Grund, den wir dann erfahren: Das Nichtzulassenkönnen ihres (lesbischen) Begehrens, das sich auf Klytaimnestra richtete. Die Verhaltenspsychologie der Figuren gäbe das druchaus her, als Möglichkeit, bei Orest: unmöglich.
Dass der Femizid der patriarchalen Kriegslogik zugrundeliegt, wie es im Programmheft heißt, müsste man allerdings noch komplettieren: Von der Ilias über die Bibel wurden auch Söhne vielfach geopfert, das Duell (nur zwischen Männern) war lange Zeit fester Bestandteil abendländischer Kultur, bis heute werden fast ausschließlich Männer in den Krieg geschickt und die Genozide dieser Welt haben zwischen Mann und Frau noch nie einen großen Unterschied gemacht. Bislang fehlt der Mann, der vor diesem Hintergrund eine bestehende Heldengeschichte aus dem Stückkanon überschreibt. Und damit zurück zur Premiere am LTT:
Demokratie wagen
Einige umgangssprachliche Einsprengsel in den Dialogen machen den klassisch anmutenden Text porös, lassen heutige Welt ein. Dafür sorgen auch Zitate von Hannah Arendt, Nan Goldin, Texte von Kae Tempest, Songs von Michelle Gurevich. Jennifer Kornprobst untermalt das teils mit Akkordeon. Viel Frauenpower, feministische Lesart: Von Schauspielerinnen über Regie, Bühne, Ausstattung, Soufflage bis zur Dramaturgie war kein Mann an der Produktion beteiligt. Was irgendwann mal bundesweit das erste Mal und grandios war, ist mittlerweile allein im beschaulichen Tübingen die fünfte Inszenierung innerhalb weniger Jahre, für die solches gilt. Vielleicht wäre es bei so einem Projekt das nächste Mal auch wieder schön und richtig, Männer einzubeziehen, als Hinweis darauf, dass es hier in erster Linie um eine politische Haltung, und wo doch um Geschlecht, eben um gender geht und letztlich nicht um das biologische Geschlecht.
Zurück zum Stück: Hier ist es Elektra, die am Ende, als sie die Wahrheit über den trojanischen Krieg erfährt, Neues schaffen kann, könnte. Wie es aussieht? Wir wissen es nicht. Aber das Star Wars zitierende Design in der Kuppel über dem Geschehen müsste wohl weichen, vielleicht zugunsten des anderen Kuppelelements: Sonnebeschienen wandelnde Wolken, oder sind's schneeweiße, ziehende Beutel, Fruchtbarkeit sammelnd, günstige Winde, für die keine Tochter mehr geopfert werden muss, niemand mehr gejagt, und nirgendwo ein Jäger. Ein Nichtort.
Dass er am Ende dieser Inszenierung auf den Namen Demokratie getauft wird, kehrt einerseits zur Orestie-Rezeption zurück, ist andererseits ein überraschend allgemeiner und unerwartet politisch-aktueller Dreh. Seine Schaffung den Zuschauern appelativ ans Herz zu legen, wirkt am Ende fast schon brechtisch. Man lässt es sich in Zeiten wie diesen gefallen.
Die Deutsche Bühne, 15. Februar 2026
Ein rasanter Diskurs durch die Demokratiegeschichte
(von Manfred Jahnke)
Demokratie aus Blut entstanden
Am Landestheater Tübingen inszeniert Annika Schäfer die Uraufführung von Maxi Obexers „Die Töchter der Orestie“. Auf der Grundlage von Aischylos‘ „Orestie“ schafft das Stück Räume für gegenwärtige Diskussionen rund um Demokratie, Selbstbestimmung und politische Teilhabe.
Demokratie wagen – das ist gegenwärtig ein geläufiger Slogan. Einst, vor bald 3000 Jahren, gründete Athene mit der Versöhnung der rachgierigen Gestalten aus der Unterwelt und der Freisprechung des Orest in Athen die Demokratie. So erzählt es der Mythos und so erzählt es Aischylos in seiner „Orestie“. Es durften nur Männer abstimmen, die ins Patt gerieten, so dass die Stimme Athenes den Ausschlag gab: Orest war damit von der Ermordung seiner Mutter freigesprochen und konnte sein Erbe in Mykenä antreten.
In „Die Töchter der Orestie“ tritt die Göttin Athene auf einer roten Stoffbahn aus dem Publikum auf. Auf der Bühne von Swantje Silber steht im Hintergrund ein Podest aus Stein mit ein paar Stufen. Davor sind drei Steinhaufen, geordnet wie Gräber. In den Raum hinein ragen drei nach vorn gewölbte, schmale Tücher, auf denen am Anfang weiße Wolken am blauen Himmel ziehen. Später werden Spruchbänder projiziert, wie z. B. „Guilty of Everything“, „This will not end well“ oder „Can you believe this?“, ein Zitat von Nancy Pelosi bei dem Sturm auf das Kapitol 2021. Von diesem werden auch Bilder eingespielt. Die Regie von Annika Schäfer und die Metaphern im Text der Autorin Maxi Obexer stellen deutlich heraus, dass hier keine längst erledigte Geschichte verhandelt wird, sondern eine sehr gegenwärtige.
Antike mit Zitaten der Gegenwart
Mit einem Riesenkrach steigen die Toten aus den Steingräbern: die vierjährige Iphi (Iphigenie), Kassandra und Klytaimnestra, die sich anklagend gegen die Göttin stellt und gegen die Tochter Elektra, die einzige Lebende in dieser Figuration. Was die Toten fordern, ist eine Revision des Urteils der Athene, das für einige tausend Jahre das Patriarchat zementiert. Was Maxi Obexer in ihrer Auftragsarbeit für das LTT Tübingen entwickelt, ist ein rasanter Diskurs durch die Demokratiegeschichte. Über Kriegslügen schon in der Antike (und erst recht heute), über Femizide und das sinnlose Töten als Behauptung von Männlichkeit und Macht. Eingeflochten sind Zitate von Hannah Arendt, mehr noch aus den Übersetzungen der „Orestie“ von Walter Jens und Peter Stein, die in der Aufführung sichtbar gemacht werden. Sie zeigen, wie in der „Orestie“ das männliche Moment dominiert.
Überzeugendes Ensemble
Athene und Klytaimnestra beherrschen die „Argumentatio“ der politischen Rhetorik perfekt. Die Athene von Sabine Weithöner, ganz in Orange gehüllt (Kostüme: Swantje Silber), nähert sich ihrem Podest schwankend. Sichtbar hat sie der Prozess, der nur einen Tag vorher stattgefunden hat, mitgenommen. Sie bemüht sich um statuarische Contenance, wird aber wiederum von der Vehemenz der Anklagen überrascht. Dabei spielt Susanne Weckerle als Klytaimnestra diese aus einer Ruhe heraus. Nur wenn es um Elektra geht, wird sie laut und wütend.
Elektra wird von Robi Tissi Graf als aufmüpfige junge Frau angelegt, schnell in ihren Attacken. Aber dann doch, als all die Fakten offengelegt sind, die sich hinter dem Trojanischen Krieg verbergen, wird sie nachdenklich, entdeckt, wofür es für sie in der Gesellschaft zu kämpfen gilt. Iphi hingegen, mit überdimensionaler Perücke und rosa Kleidchen, prunkt in der Darstellung von Emma Stratmann mit einem breiten Lächeln und regelmäßigem Rülpsen: Sie war am längsten im Grab eingesperrt. Dennoch spielt Stratmann diese Figur nicht naiv, sondern greift massiv in der Auseinandersetzung mit Elektra ein.
Eine Doppelrolle hat Jennifer Kornprobst. Einerseits spielt sie die Kassandra, der, als sie noch am Leben war, niemand ihre Prophezeiungen glaubte. In einem zerfetzten, antikisierenden Kostüm mit einer Plastikmaske über dem Kopf wirkt sie zurückhaltend. Erst als sie die Vergeblichkeit ihrer Liebe zu Klytaimnestra – da fällt auch die Maske – gesteht, bekommt sie sanfte Töne. Zugleich begleitet Jennifer Kornprobst diese Produktion musikalisch. Sie schafft – vor allen Dingen mit Akkordeon, aber auch mit anderen Instrumenten – eine emotionale, leise Stimmung. Da liegt Melancholie in der Luft, vor allen Dingen mit den Songs von Michelle Gurevich oder Kae Tempest, die nicht nur sie, sondern auch das Ensemble vortragen.
Intensive Gefühle
Aller Diskursivität des Themas zum Trotz herrscht in dieser Inszenierung eine starke Emotionalität. Die Diskurse verlaufen dabei auf unterschiedlichen Ebenen: Sie ist in der Art, wie die Argumente vorgetragen werden, verborgen, wie in den Figurenbeziehungen. Sie wird auch sinnfällig, wenn die Regie von Annika Schäfer das Ensemble mit den Steinen (aus Styropor) spielen lässt, mal drohend, mal als Angebot. Am Ende sammelt das Ensemble mit großen Netzen Steine ein – als Sinnbild für einen Neuanfang. Dass am Ende das Publikum zum Nachdenken über Demokratie aufgerufen wird, wirkt ein wenig wie Volkshochschule.
„Die Töchter der Orestie“ machen deutlich, wie aktuell die griechischen Tragödien geblieben sind. Athene bleibt bei Obexer in einer diffusen Schwebe: Sie preist Orest als den ersten Menschen an, der mündig wird und als tragisches Individuum in die Geschichte eingeht. Da sind die Toten anderer Meinung.
CUL-TU-RE.DE (online), 15. Februar 2026
Feministische Fortschreibung des antiken Schlüsselstücks von überwältigender Kraft und Schönheit
(von Martin Bernklau)
Tübinger „Orestie“ – Fünf Frauen
In der Werkstatt des Tübinger Landestheaters liefern lauter Frauen eine feministische Fortschreibung des antiken Schlüsselstücks – von überwältigender Kraft und Schönheit
Und hätte ein Zuschauer keinen Schimmer von griechischer Geschichte, Mythologie und Bühnenkunst. Und wäre ihm jegliche feministische oder politische Botschaft vollkommen gleichgültig: Die schiere Schönheit, diese ästhetische Geschlossenheit und die geradezu archaische Wucht dieser „Orestie“-Fortschreibung von Maxi Obexer unter der Regie von Annika Schäfer und in Swantje Silbers wahrhaftig grandioser Ausstattung könnte ihn, ja würde ihn überwältigen. Oder sie, versteht sich. Am Samstagabend war die ausverkaufte Premiere der Uraufführung dieser „Töchter der Orestie“ in der Werkstatt des Tübinger Landestheaters.
Aber ein bisschen Bildung kann ja nie schaden. In der „Orestie“ des Aischylos – Dritter im attischen Bunde von Euripides und Sophokles, dazu käme Aristophanes als komödiantischer Vierter – treffen sich der Mythos, also der Götter- und Heldenglaube der Griechen, mit deren Geschichte, verbinden sich die Geburt der Tragödie und die Entstehung der attischen, der abendländischen Demokratie, die mehr ist als „unsere Demokratie“. Aber es ist eine Männergeschichte, diese Geschichte rund um Homers Trojanischen Krieg, den Gründungsmythos dieser Kultur, auch wenn so viele Frauenfiguren darin ihre eminent wichtigen Rollen spielen. Bis hinauf zu Athene, der Schutzgöttin der Stadt und Göttin der Weisheit, dieser Kopfgeburt aus dem Haupt des Göttervaters Zeus.
Schon das erste Setting der Inszenierung ist großartig. Die Göttin Athene (Sabine Weithöner) thront auf einer knallrot ausgekleideten schmalen Treppe im Publikum, on top. Drunten tut sich was in den drei Steingräbern, den Grüften, in denen drei der toten Frauen ruhen sollen, die der antiken Story viel von ihrem ewigen Drive gegeben hatten und nun keine Ruhe geben. Eigentlich fehlt nur Helena, die schönste Frau der Welt, die vom trojanischen Prinzen Paris – nach dem Göttinnen-Urteil im Olymp-internen Apfel-Contest – aus dem Sparta ihres Gatten Menelaos entführt wird, oder womöglich eher mit ihm durchbrennt.
Zum Kriegsherrn des Feldzugs gegen die kleinasiatischen Trojaner, eine wohl blühende und konkurrierende Macht im mittelmeerischen Osten, wurde der mykenische Bruder Agamemnon. Im listenreichen Ithaka-König Odysseus fand sich der dramatische Pfeffer der Geschichte, der intellektuelle Kick, und ließ sich, von Homer, in der zeitlosen Irrfahrt fortführen. Den Muttermörder Orest, den Rächer seines Vaters, hat die Kulturgeschichte zum tragischen Helden gemacht.
Es gibt schon ein paar kritische Einwände gegen diese Inszenierung (über die zunehmend etwas belehrenden Schluss-Sequenzen im affirmativen Sinne „unserer Demokratie“ hinaus). Dass die feministische Perspektive schon in der antiken Story liegt, kommt zu kurz. Iphigenie, das Opfer männlicher Kriegslüsternheit, auch im Kostüm zur kindlichen „Iphi“ zu verniedlichen, führt etwas weit weg vom Problem.
Dass Klytämnestra, die weise Herrscherin über das herrenlos verwaiste Mykene, in der barbarischen Opferung ihres Kindes allen und jeden Grund – Rache, natürlich – für die Tötung des heimkehrenden Kriegshelden Agamemnon finden konnte, wird deutlich. Die von ihm erbeutete Sex-Sklavin Kassandra (Jennifer Kornprobst, auch für die Musik zuständig), die ja trotz Liebhaber Ägisth nicht nur Klytämnestras Konkurrentin ist, nicht nur Königstocher und Prophetin, sondern auch unerhörte Rebellin, sie könnte klarer konturiert sein.
Aber das sind Wertungen der Richtung und im Detail. Es ist eine ganz großartige kleine Klassiker-Inszenierung, von antikischer Klarheit und feministischer Kraft.
Reutlinger General-Anzeiger, 15. Februar 2001
Feministisch wie selten präsentiert sich das LTT
(von Christoph B. Ströhle)
Kultur des einander Sehens: »Die Töchter der Orestie« am LTT uraufgeführt. Starkes Diskurstheater bietet Maxi Obexer mit ihrer Klassiker-Fortschreibung »Die Töchter der Orestie«.
Starkes Diskurstheater bietet Maxi Obexer mit ihrer Klassiker-Fortschreibung »Die Töchter der Orestie«. Am LTT ist das Stück jetzt in der Inszenierung von Annika Schäfer uraufgeführt worden.
Feministisch wie selten präsentiert sich das LTT. In »Die Töchter der Orestie« von Maxi Obexer rücken die Frauen aus Aischylos' »Orestie« ins Zentrum, schreiben diese ihre Geschichte und die der Demokratie, als deren Gründungsmythos Teil drei der vor 2.484 Jahren erstmals aufgeführten Trilogie »Die Orestie« gilt, mit vielen Fragen und neuer Lesart fort. Iphigenie, Klytaimnestra und Kassandra entsteigen dafür ihren Gräbern - eine überraschende und wirkungsvolle Szene gleich zu Beginn -, werden von der noch lebenden Tochter Klytaimnestras und Schwester Iphigenies, Elektra, sowie der Göttin Athene komplettiert.
Der bei der Uraufführung in Tübingen anwesenden Maxi Obexer ist ein starkes Stück Diskurstheater gelungen. Das sich allerdings als herausfordernd für die Inszenierung erweist, da auf der Handlungsebene nicht viel passiert. Umso beeindruckender ist der Gedankentanz, den die fünf Frauen vollführen, um der Wahrheit näherzukommen - einander zuhörend, konfrontierend, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachtend.
Frau und Kinder geopfert
Gleichwohl dauert es eine Weile, bis sie in der Inszenierung von Annika Schäfer einander respektieren, bis sie aus ihrer Vereinzelung heraustreten, einander wirklich sehen, sich solidarisch mit den anderen erklären. Und so etwas wie eine gemeinsame Sicht auf die nicht enden wollende Abfolge von Gewalttaten entwickeln, die, wie sie konstatieren, einem männlichen, aufs Kämpfen und Besiegen zielenden Muster folgt. Einem Muster, bei dem diejenigen, die es verinnerlicht haben, ohne zu zögern Frau und Kinder opfern, wenn es ihnen den Triumph auf dem Schlachtfeld ermöglicht.
Beispiele werden haufenweise angeführt. Etwa Iphigenies Schicksal. Sie wird als Kind von ihrem Vater Agamemnon, König von Mykene, getötet. Als Opfergabe soll ihr Tod, wie vom Orakel besagt, die Götter besänftigen und für gute Winde für die Überfahrt nach Troja sorgen. Troja wird in der Folge belagert und zerstört. Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs Priamos, wird als Kriegsbeute und Sexsklavin von Agamemnon nach Mykene verschleppt.
Kopfgeburt des Zeus
Die von Sabine Weithöner leicht abgehoben gespielte Athene als quasi übergeordnete Instanz ist bei dieser Aufarbeitung von Empathielosigkeit, Verletzung und Schuld anfangs außen vor, mehr Zuschauerin als Beteiligte. Sie beansprucht für sich, das Hauen und Stechen beendet zu haben, indem sie an die Stelle der individuellen Rache die geordnete Rechtsprechung durch ein die Bürgerschaft repräsentierendes Gericht gesetzt habe. Doch die Frauen der Orestie bescheinigen ihr, ohne Mutter zu sein, eine Kopfgeburt des Zeus, von dessen Instinkten geprägt. Wie sie überhaupt im Einzelnen nachweisen, dass sie alle das sind, was ihnen die Männer, auch Aischylos und seine Übersetzer, zuschreiben.
Es ist beeindruckend zu sehen, wie Emma Stratmann als Iphigenie, Robi Tissi Graf als Elektra, Jennifer Kornprobst als Kassandra und Susanne Weckerle als Klytaimnestra im Stück um Würde, Anerkennung, Teilhabe und Selbstbestimmung ringen. Sie tun das im Wissen um die Fragilität, das mögliche Scheitern ihres Fühlens und Tuns, in einem Bühnenbild, in dem sie immer wieder Steinquader versetzen, die anfangs Gräber waren. Denn mit Empathie für das Leid der Übersehenen und Vergessenen fängt es an. Die Frauen stecken in Kostümen (Ausstattung: Swantje Silber), die sie als Figuren der Überlieferung wie des Überzeitlichen ausweisen.
Nachdenklichkeit geweckt
Zwei Stunden ohne Pause dauert das. Nicht nur in Athene sieht man am Ende eine neue Nachdenklichkeit geweckt. Sie reicht die Fragen, was Würde, was Kompromiss, was Respekt im Umgang miteinander, beim Ausgleich von Interessen ist, ans Publikum weiter. »Entscheiden Sie«, sagt sie. »Für die Demokratie.« Leicht, so veranschaulicht der Theaterabend, wird es im Einzelfall sicher nicht.
