Friederike Pöschel, Emma Stratmann, Rolf Kindermann, Martin Bringmann · Foto: Tobias Metz
Friederike Pöschel, Martin Bringmann, Sabine Weithöner, Sarah Liebert, Leo Kramer · Foto: Tobias Metz
Friederike Pöschel, Rolf Kindermann, Martin Bringmann, Leo Kramer, Sarah Liebert, Emma Stratmann · Foto: Tobias Metz
Sarah Liebert, Sabine Weithöner, Martin Bringmann, Friederike Pöschel · Foto: Tobias Metz
Sabine Weithöner, Friederike Pöschel, Martin Bringmann · Foto: Tobias Metz
Friederike Pöschel, Sabine Weithöner, Martin Bringmann, Rolf Kindermann, Leo Kramer, Sarah Liebert · Foto: Tobias Metz
Rolf Kindermann, Friederike Pöschel, Martin Bringmann, Leo Kramer, Sarah Liebert · Foto: Tobias Metz
Sabine Weithöner, Emma Stratmann, Martin Bringmann, Leo Kramer, Friederike Pöschel · Foto: Tobias Metz
Martin Bringmann, Rolf Kindermann, Friederike Pöschel · Foto: Tobias Metz
Martin Bringmann, Friederike Pöschel · Foto: Tobias Metz
Leo Kramer, Friederike Pöschel, Martin Bringmann, Sabine Weithöner, Sarah Liebert · Foto: Tobias Metz
Leo Kramer, Friederike Pöschel, Martin Bringmann, Sabine Weithöner · Foto: Tobias Metz
Leo Kramer, Friederike Pöschel, Martin Bringmann, Sabine Weithöner, Rolf Kindermann, Emma Stratmann · Foto: Tobias Metz
Friederike Pöschel, Martin Bringmann, Emma Stratmann, Sabine Weithöner, Rolf Kindermann · Foto: Tobias Metz
Emma Stratmann, Friederike Pöschel, Sarah Liebert, Sabine Weithöner, Leo Kramer, Rolf Kindermann, Martin Bringmann · Foto: Tobias Metz
Sarah Liebert, Sabine Weithöner, Leo Kramer, Friederike Pöschel, Martin Bringmann · Foto: Tobias Metz
Peter Engel

Der zerbrochne Krug

Schauspiel von Heinrich von Kleist · 15+


Reutlinger General-Anzeiger (GEA), 1. Dezember 2025

"Martin Bringmann erschafft eine Figur von erschreckender Doppelgesichtigkeit"

(von Thomas Morawitzky)

Der Richter als Täter

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Schwäbisches Tagblatt, 1. Dezember 2025

"Was für ein Schluss!"

(von Von Peter Ertle)

Eve, allein gelassen 

Dorftrottelszenerie mit Dramaschluss, etwas unausgewogen, aber mit ein paar schönen Szenen und Entscheidungen:„Der zerbrochne Krug“ am LTT

Die besten Szenen dieser Inszenierung sind die, in denen nichts gesagt wird. Es ist dies vielleicht kein schmeichelhaftes Urteil über eine Produktion. Zumal das Stück vor einigen Jahren am Lindenhof mit einem schwer überbietbaren Bernhard Hurm in der Hauptrolle reüssierte.

Wobei, um das gleich anzumerken: Dieser Adam – und an dem hängt beim Krug immer viel – ist auch nicht schlecht. Man kann sich im LTT-Ensemble außer Martin Bringmann und Gilbert Mieroph auch niemanden vorstellen, der ihn spielen könnte. Hier nun wird man auf Bringmanns Adam erst fünf bis zehn Minuten nach Stückbeginn aufmerksam, als sich unter irgendwelchen Decken und Müll etwas regt. Vorher gehörte die Szenerie Schreiber Licht (Rolf Kindermann), der ein paar Hu-hu-hus vor sich hin trällert. Sympathy for the devil? Beelzebub wird später auch mal tatverdächtig.

Noch ein bisschen vorher, also ganz zu Beginn, gehört die Bühne der subalternsten aller Rollen, Brigitte (Emma Stratmann), die hier als Reinigungskraft sauber macht. Mit ihr beginnt es, mit ihr wird es aufhören, und das ist programmatisch. Frau und unterste soziale Schicht: eine Nochmalverstärkung des Regieansatzes, der die Schwächste, Gedemütigtste der Figuren ins Zentrum rückt: Eve.

Dieser Ansatz, der sehenswert verkörperte Dorfrichter, das Schweigen: Schon mal drei Pluspunkte der Aufführung. Zum Schweigen: Regisseur Alexander Marusch baut es ein paar Mal ein, fast als hätte jemand einen Text-Hänger. Da versteht jemand nicht, muss jemand Ausflüchte suchen, haben wir Zeit nachzudenken, was das bedeutet. Kurz: Da passiert was, gerade weil nichts passiert. Das längste Schweigen dann eingebaut in Eves Schlussmonolog, der sogenannte Variantschluss.

Kleist fügte ihn der Druckfassung hinzu, nachdem Regisseur Goethe das Stück aufgeführt hatte, eine Premiere, die beim Publikum durchfiel, das für solch sprachfixierte, nicht idealistisch überhöhte Stücke (noch) keine Ader hatte, genauso wenig wie Goethe, der mit all den jungen Romantikern oder schwer einzuordnenden Systemsprengern, genialischen Problemkindern und Neuerern nichts anfangen konnte, hießen sie nun Lenz, Hölderlin oder Kleist. Von Regisseur Goethe zu Regisseur Alexander Marusch: Der sucht das Pendant zum Dorfrichterhaus in einem ländlichen Mehrzweckraum, wo tags zuvor noch der FC Tübis seine Pokalfeier abgehalten hat und Menschen mit Vokuhila und anderem Provinzdesign ihr Leben fristen (Bühne, Kostüme: Cornelia Stephan). Nett. Nur liegt die Gerichtshoheit heute halt nicht mehr im Dorf.

Aber geschenkt, wir spielen mit. Auch als die übergeordnete Frau Kontrolletti  zu Besuch kommt, um die Dorfbehörde zu überprüfen. Gerichtsrat Walter, hier Gerichtsrätin (Friederike Pöschel), ist schon mal großstädtischer angezogen und hat auch feinere Manieren als das übrige Dorfkomödienpersonal. Freilich, eine Burleske ist es schon bei Kleist und sie wird hier durchaus bedient – man hätte das aber gerne noch saftiger ausspielen dürfen, gekoppelt mit einem Gegengewicht an Schrecken, Verstörung, Diabolik. Fehlt weitgehend, das Stück bleibt zu flach, eine gute Dorf- oder Schultheateraufführung mit den Standardtypen einer derben, immergeilen Frau Marthe (Sabine Weithöner), einem „Hannes und der Bürgermeister“-ähnlichen Duo aus Schreiber und Dorfrichter, einer Tochter Eve (Sarah Liebert), die von Beginn an den einen stoischen Ton des traumatisierten, armen Fassmichnichtan-Dings spielt, neben ihr der immer eine Ton des Daswarichnicht-Ruprecht.

Von ein paar Lichtstimmungen, dem erwähnten Schweigen, ein paar zarten akustischen Atmosphären und ein paar Sekunden eines Facetoface zwischen Dorfrichter und Eve abgesehen ist da wenig, was unter die Haut geht. Zu wenig für den Abschlussmonolog Eves, der dann – Spot on Eve, alle anderen Figuren stehen wie eingefroren da – zum Stückessenz-Pathos wird. Ohne es herbeizuzitieren, sind in diesem Moment Metoo, Weinstein, Epstein präsent. Das wurde durch die vorhergehende Dorftrottelei nicht so recht vorbereitet.

Dabei, was für ein Schluss! Man darf ihn, für sich genommen, den gelungenen Szenen der Inszenierung hinzufügen. Und, ach: Frau Marthe, die mit ihrem kaputten Krug letztlich die verlorene Jungfräulichkeit ihrer Tochter juristisch beklagte, will angeblich vors nächsthöchste Gericht ziehen, ein Vorwand, sich vom Acker zu machen, nachdem ein ihr nicht genehmer Täter entlarvt wurde. Auch die Gerichtsrätin verlässt den Ort des Grauens ohne Ankündigung weiterer Konsequenz, wir ahnen: Der Dorfrichter, der – die Zuschauer wissen es von Anfang an – auch der Schuldige ist, wird ungeschoren davon kommen. Er muss nicht mal eine Spende an den Verein „Frauen helfen Frauen“ zahlen.

Bleibt die Frage, warum Kleist das Thema männlicher Übergriffigkeit vulgo Vergewaltigung so beschäftigte, dass er es hier und in der Marquise von O... thematisierte. Die andere Frage, nämlich warum das LTT das Stück auf den Spielplan nahm, lässt sich leichter beantworten: Es ist wieder mal Sternchenthema.


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Cul-Tu-Re.de (online), 30. April 2002

"Absolut großartig, Sabine Weithöner als Mutter Marthe Rull und Emma Stratmann in der unscheinbaren Rolle der dienstbaren Brigitte"

(von Martin Bernklau)

Kleists Metoo-Mann

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