Eine Tragikomödie von Anton Tschechow · 14+
kreisbote.de, 25. April 2026
LTT mit „Kirschgarten“ in Landsberg: Kettensägenmassaker in Puderrosa
(von Susanne Greiner)
Die Essenz hervorragend herausgearbeitet, gesellschaftspolitisch erschreckend aktuell und dazu rundum vergnüglich.
Veränderung ist schwer. Vergangenes klebt am Herzen, als Bastion Bequemlichkeit, im Ergebnis: Stillstand. Dieses brachiale Verharren setzt das Landestheater Tübingen ins Zentrum seiner luftig-trägen „Kirschgarten“-Inszenierung, mit der es am 7. Mai (20 Uhr) im Stadttheater Landsberg gastiert.
Landsberg – Schon das erste Bild spricht Bände: ein Standbild. Starr steht das Ensemble, nichts bewegt sich, keine Miene zuckt. In die Stille schiebt sich der Klang des (hervorragenden!) Ensemble-Chores. Was erst russisches Volkslied scheint, entpuppt sich als Disco-Knaller der 1980er – aber selbst Anders und Bohlen kommen nicht an gegen diese Wand aus Stillstand. Und hängen fest, im und am Kirschgarten.
Tübinger Landestheater mit „Kirschgarten“ im Landsberger Stadttheater: Puderrosa versus Kettensäge
Er ist das Herzstück des Gutes der Ranewskaja, „meine Jugend, meine Liebe, mein Leben“. Und dem Untergang geweiht. Denn die Gutsherrin ist pleite, vom Lover in Paris sitzengelassen kehrt sie samt Tochter zurück auf ihr Landgut, verwaltet von Adoptivtochter Warja. Dass darüber bereits das Blatt der Motorsäge hängt, wissen alle. Kaufmann Lopachin, ehemaliger Leibeigener und im Gegensatz zur immobilen Familie dynamisch auf dem Segway unterwegs, wird es nicht müde, den Tag der Zwangsversteigerung ins Rund zu schleudern. Seine Alternative: absägen. Alles. Und dann: „Parzellieren!“ Ferienwohnungen statt Datscha, Modernität statt Tradition, Action statt Stillstand. Die 90 Minuten, in die Regisseur Dominik Günther seinen Kirschgarten packt, machen trotz aller teilweise massiven Verknappung des Originals deutlich: Diese Gesellschaft ist nicht bereit, vom Alten zu lassen. Besser gesagt: Sie kann es nicht.
Sandra Fox schenkt der Inszenierung fantastische Kostüme: pludernder Plüsch, von Kirschblüten-puderrosa bis Pink, astbrauner bis blattgrüner Glanz, dazu blockige Moonboots. Im Gegensatz zu den exaltierten Kostümen steht das minimalistische Bühnenbild: eine Kirschblüte aus weißen Matten. Sonst nichts. Im Lauf des Stückes werden immer mehr der Blüten-Blätter abgeblättert, herausgerissen, umfunktioniert – als Symbol für die Veränderung, die über die in der Vergangenheit verfangene Gutsfamilie hereinbricht.
Diverse Songs bereichern das Stück (Musik: Jörg Wockenfuß). Blankenese-Polonaise im Chorsound und Ententanz sind so wunderbar schlapp, man zuckt vor lauter Tatendrang zum Anstoßen. Zur süffigen Melancholie tragen Reinhard Meys „Garten“ sowie das japanische Volkslied Sakura bei. Und nahezu träumerisch die herabrieselnden Blütenblätter – als grandioser Gegensatz zur am Ende ratternd qualmenden Kettensäge.
Günthers Inszenierung ist eine perfekte Ballung an Trägheit. (Fast) alle warten darauf, was geschieht – und was mit allen geschieht. Günther setzt auf Standbilder, auf Stille. Raumgreifende Bewegung wird allein dem rasenden Lopachin, samt modernisiertem Text, zugeschrieben. Die Stimmen der Adelsfamilie: ruhig, ausgenommen der Schreie, die sich Anja zwischen ihren narkoleptischen Anfällen als Ausbruch aus all der Starre zugesteht. Dass am Ende der verarmte Adel wegen Nicht-Loslassen-Könnens gar noch den Zug verpasst, verursacht nahezu Schmerzen, so gerne würde man hier mal kräftig anpacken.
Tschechows Kirschgarten als Gastspiel in Landsberg: Ensemble als Einheit
Dass das Ganze nicht in Tragik versinkt, ganz im Gegenteil komische Spins zeigt, ist in Günthers Regie, den leicht abstrus wirkenden Kostümen samt schrägen Sonnenbrillen, aber auch in dem wunderbar als Einheit spielenden Ensemble verortet.
Friederike Pöschel scheint nahezu ätherisch als Gutsbesitzerin, Andreas Guglielmetti spielt Ranewskajas Bruder mit abbruchgefährdetem Stolz. Emma Stratmann schläft und schreit wunderbar abrupt als Tochter Anja, ganz im Gegensatz zur nüchtern-realistisch agierenden Sarah Liebert als Warja. Und Nachbar Boris, erbärmlich um Kredit und vormals große Liebe bettelnd, übernimmt durch Gilbert Mieroph nahezu die Narrenrolle im Stück.
„Ich muss arbeiten, arbeiten, arbeiten“, skandiert Leo Kramer wunderbar konträr aktiv und geldfokussiert als Lopachin. Und nicht zuletzt überzeugt Insa Jebens als Student Pjotr, Utopien liebend, aber nicht lebend. Denn am Ende führt der revolutionäre Geist doch nur zu Armut und Krankheit.
In gewisser Art ist die LTT-Inszenierung der ‚Kirschgarten in a nutshell‘. Die Essenz hervorragend herausgearbeitet, gesellschaftspolitisch erschreckend aktuell und dazu rundum vergnüglich.
Schwarzwälder Bote, 21. April 2026
Bitteres im Regen weißer Blütenblätter
(von Christoph Holbein)
Bestens umgesetzt und schön auspointiert
Reutlinger General-Anzeiger, 20. April 2026
(von Johannes Barthmes)
In der Regie von Dominik Günther bekommt Tschechows Klassiker »Der Kirschgarten« am LTT frischen Schwung
Schwäbisches Tagblatt, 20. April 2026
Komik und chorische Wehmut im Kirschgarten
(von Peter Ertle)
Schön geworden, dieser Tschechow
cul-tu-re.de online, 18. April 2026
„Kirschgarten“ – Kettensäge und Segway
(von Martin Bernklau)
Riesiger Jubel, allerhand Juchzer, ganz langer Applaus und viele Vorhänge für ein gutes Stück.