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Eine Tragikomödie von Anton Tschechow · 14+
kreisbote.de, 25. April 2026
LTT mit „Kirschgarten“ in Landsberg: Kettensägenmassaker in Puderrosa
(von Susanne Greiner)
Die Essenz hervorragend herausgearbeitet, gesellschaftspolitisch erschreckend aktuell und dazu rundum vergnüglich.
Veränderung ist schwer. Vergangenes klebt am Herzen, als Bastion Bequemlichkeit, im Ergebnis: Stillstand. Dieses brachiale Verharren setzt das Landestheater Tübingen ins Zentrum seiner luftig-trägen „Kirschgarten“-Inszenierung, mit der es am 7. Mai (20 Uhr) im Stadttheater Landsberg gastiert.
Landsberg – Schon das erste Bild spricht Bände: ein Standbild. Starr steht das Ensemble, nichts bewegt sich, keine Miene zuckt. In die Stille schiebt sich der Klang des (hervorragenden!) Ensemble-Chores. Was erst russisches Volkslied scheint, entpuppt sich als Disco-Knaller der 1980er – aber selbst Anders und Bohlen kommen nicht an gegen diese Wand aus Stillstand. Und hängen fest, im und am Kirschgarten.
Tübinger Landestheater mit „Kirschgarten“ im Landsberger Stadttheater: Puderrosa versus Kettensäge
Er ist das Herzstück des Gutes der Ranewskaja, „meine Jugend, meine Liebe, mein Leben“. Und dem Untergang geweiht. Denn die Gutsherrin ist pleite, vom Lover in Paris sitzengelassen kehrt sie samt Tochter zurück auf ihr Landgut, verwaltet von Adoptivtochter Warja. Dass darüber bereits das Blatt der Motorsäge hängt, wissen alle. Kaufmann Lopachin, ehemaliger Leibeigener und im Gegensatz zur immobilen Familie dynamisch auf dem Segway unterwegs, wird es nicht müde, den Tag der Zwangsversteigerung ins Rund zu schleudern. Seine Alternative: absägen. Alles. Und dann: „Parzellieren!“ Ferienwohnungen statt Datscha, Modernität statt Tradition, Action statt Stillstand. Die 90 Minuten, in die Regisseur Dominik Günther seinen Kirschgarten packt, machen trotz aller teilweise massiven Verknappung des Originals deutlich: Diese Gesellschaft ist nicht bereit, vom Alten zu lassen. Besser gesagt: Sie kann es nicht.
Sandra Fox schenkt der Inszenierung fantastische Kostüme: pludernder Plüsch, von Kirschblüten-puderrosa bis Pink, astbrauner bis blattgrüner Glanz, dazu blockige Moonboots. Im Gegensatz zu den exaltierten Kostümen steht das minimalistische Bühnenbild: eine Kirschblüte aus weißen Matten. Sonst nichts. Im Lauf des Stückes werden immer mehr der Blüten-Blätter abgeblättert, herausgerissen, umfunktioniert – als Symbol für die Veränderung, die über die in der Vergangenheit verfangene Gutsfamilie hereinbricht.
Diverse Songs bereichern das Stück (Musik: Jörg Wockenfuß). Blankenese-Polonaise im Chorsound und Ententanz sind so wunderbar schlapp, man zuckt vor lauter Tatendrang zum Anstoßen. Zur süffigen Melancholie tragen Reinhard Meys „Garten“ sowie das japanische Volkslied Sakura bei. Und nahezu träumerisch die herabrieselnden Blütenblätter – als grandioser Gegensatz zur am Ende ratternd qualmenden Kettensäge.
Günthers Inszenierung ist eine perfekte Ballung an Trägheit. (Fast) alle warten darauf, was geschieht – und was mit allen geschieht. Günther setzt auf Standbilder, auf Stille. Raumgreifende Bewegung wird allein dem rasenden Lopachin, samt modernisiertem Text, zugeschrieben. Die Stimmen der Adelsfamilie: ruhig, ausgenommen der Schreie, die sich Anja zwischen ihren narkoleptischen Anfällen als Ausbruch aus all der Starre zugesteht. Dass am Ende der verarmte Adel wegen Nicht-Loslassen-Könnens gar noch den Zug verpasst, verursacht nahezu Schmerzen, so gerne würde man hier mal kräftig anpacken.
Tschechows Kirschgarten als Gastspiel in Landsberg: Ensemble als Einheit
Dass das Ganze nicht in Tragik versinkt, ganz im Gegenteil komische Spins zeigt, ist in Günthers Regie, den leicht abstrus wirkenden Kostümen samt schrägen Sonnenbrillen, aber auch in dem wunderbar als Einheit spielenden Ensemble verortet.
Friederike Pöschel scheint nahezu ätherisch als Gutsbesitzerin, Andreas Guglielmetti spielt Ranewskajas Bruder mit abbruchgefährdetem Stolz. Emma Stratmann schläft und schreit wunderbar abrupt als Tochter Anja, ganz im Gegensatz zur nüchtern-realistisch agierenden Sarah Liebert als Warja. Und Nachbar Boris, erbärmlich um Kredit und vormals große Liebe bettelnd, übernimmt durch Gilbert Mieroph nahezu die Narrenrolle im Stück.
„Ich muss arbeiten, arbeiten, arbeiten“, skandiert Leo Kramer wunderbar konträr aktiv und geldfokussiert als Lopachin. Und nicht zuletzt überzeugt Insa Jebens als Student Pjotr, Utopien liebend, aber nicht lebend. Denn am Ende führt der revolutionäre Geist doch nur zu Armut und Krankheit.
In gewisser Art ist die LTT-Inszenierung der ‚Kirschgarten in a nutshell‘. Die Essenz hervorragend herausgearbeitet, gesellschaftspolitisch erschreckend aktuell und dazu rundum vergnüglich.
Schwarzwälder Bote, 21. April 2026
Bitteres im Regen weißer Blütenblätter
(von Christoph Holbein)
Bestens umgesetzt und schön auspointiert
Ein „klassisches“ Werk auf die Theaterbühne zu bringen, birgt die Gefahr in sich, dass entweder der Stoff verstaubt, antiquiert und nicht mehr zeitgemäß rüberkommt oder – im anderen Extrem – dass er in allzu peppiger Modernisierung und erzwungener grell-bunter Aktualisierung verloren geht. Im LTT ist diese Gefahr gebannt. Der Inszenierung von Regisseur Dominik Günther gelingt die Balance zwischen dem Auftrag, Inhalt, Anliegen und Aussage der Vorlage dem Publikum zu vermitteln, und dem Anspruch, das Werk wirkungsvoll im Kontext der heutigen Sehgewohnheiten authentisch zu aktualisieren. Entstanden ist ein kurzweiliger Theaterabend mit Tiefe und Niveau.
Dazu bei trägt die fantasievolle Regiearbeit von Dominik Günther. Auf dem Plateau entwickelt sich bei Gesang und synchroner tänzerischer Choreografie, bei Polonaise, Twist und Ententanz ein stilisiert inszeniertes Spiel zwischen Statik und Körperbetontheit, zwischen albernem Humor und pantomimischen Gesten. Da rast Leo Kramer als Unternehmer Lopachin auf dem Hoverboard durch die Szenerie und schmeißt später die Kettensäge an, um den Kirschgarten abzuholzen; da lässt der Regisseur am Ende weiße Kirschblütenblätter schneien. Es ist eine Mischung aus kleinen humoresken Einsprengslern, schauspielerischen Preziosen und leisen, nachdenklichen, auch traurigen Szenen. Günther hat dabei auch den Mut, längere Pausen der Stille und des Standbilds aushalten zu lassen.
Am atmosphärisch dichten Theatererlebnis hat auch das gesamte Ensemble seinen fundamentalen Anteil. Die Figuren sind bestens umgesetzt und schön auspointiert, die Charaktere sind fein ausgemalt und zu Ende formuliert – immer mit einer Prise Skurrilität und ziseliert im passenden starken Mienenspiel, zwischendurch auch affektiert überzogen. Es ist eine stimmige Gesamtleistung.
Das alles findet statt in einem minimalistischen, aber deshalb umso griffigeren und kongenialen Bühnenbild – kreiert von Sandra Fox –, bei dem weiße, dünne Matten – zunächst als abstrakte Kirschblüte angeordnet – Spielfläche oder Requisite sind, hier die Parzellen des Kirschgartens darstellen, dort einen alten Schrank, hier die kleine begrenzte Welt symbolisieren, dort einen wärmenden Umhang. Das alles ist gepaart und verstärkt durch die kreativen Kostümideen von Fox, die klassische Motive verbinden mit modernen Accessoires und modischen Inhalten.
Die Inszenierung spart nicht mit kleinen ironischen Spitzen – „wenn es gegen eine Krankheit sehr viele Mittel gibt, so bedeutet das, dass die Krankheit unheilbar ist“ – und lässt Raum für Abschied und Aufbruch, für das Porträt einer Gesellschaft im Umbruch, für Familiengeschichte und Gesellschaftsanalyse, für die Unfähigkeit, erkannte notwendige Veränderungen konsequent umzusetzen, und zeichnet den Menschen als jemanden, der, obwohl die Welt zugrunde geht, obwohl so viel zu tun ist in Sachen soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Umweltschutz, kollektiv verdrängt und Entscheidungen vertagt, statt zu handeln. Die Protagonisten bleiben abgehoben von der Realität, schließen die Augen vor der Wirklichkeit, haben Angst von ihrem Plateau herunterzusteigen. Am Ende wird über ihre Köpfe hinweg entschieden und werden Tatsachen geschaffen. Und damit schließt sich eine stimmige Inszenierung.
Reutlinger General-Anzeiger, 20. April 2026
(von Johannes Barthmes)
In der Regie von Dominik Günther bekommt Tschechows Klassiker »Der Kirschgarten« am LTT frischen Schwung
Einen schwungvollen »Kirschgarten« von Tschechow hat das LTT auf die Bühne gestellt. Das Premierenpublikum sah ein in Länge und Rollenkonstellation klug entschlacktes Stück. Unter Pastellfarben schien eine Gesellschaft durch, die ihre Risse erkennt und doch nicht die richtigen Schlüsse ziehen kann.
»Cheri, Cheri Lady« von Modern Talking kündigt die Rückkehr der »Cherry-Lady« Ranewskaja aus Paris an. Das Ensemble agiert zu Beginn und zwischen den Akten als souveräner A-cappella-Chor. Die Bühne wird im Programmheft als »abstrakte, symbolische Kirschblüte« gedeutet, lässt aber eher an die festlich gedeckte Kaffeetafel denken, an der die Gutsherrin standesgemäß Platz nehmen möchte, nicht wahrnehmend, dass es kein Geld mehr für Kaffee gibt.
Weiße Matten liegen darauf, wie Servietten drapiert. Sie und ihr »Hofstaat« tanzen ihren letzten (Macarena-)Tanz auf diesem Tisch, einen Meter über dem Boden schwebend, ein Marshmallow-Kuckucksheim. Die Kostüme sind eine schrille Winterkollektion mit russischen Anleihen in Neureichen-Ästhetik. Sie wurden wie das Bühnenbild von Sandra Fox entworfen.
Pragmatischer Immobilienhai
Die Gruppe wird vom Immobilienhai Lopachin auf dem Hoverboard umkreist. Er wird sich, trotz Schwäche für Gimmicks, als der einzig Bodenständige neben Warja, der Adoptivtochter, erweisen. Die oben trauen sich nicht hinunter. Lopachin unten hält respektvoll Abstand.
Der Kirschgarten, Stolz des Gutes und der Gegend, ist bankrott und wird versteigert. Lopachin bietet uneigennützig einen Rettungsplan an: »parzellieren«, Ferienhäuser bauen und an die Hipster vermieten, die sich zunehmend von Matcha Latte und Urban Gardening lösen und auf das Land strömen. Er ist Nachkomme der Leibeigenen, die den Garten einst zur Blüte gebracht haben, hegt aber keinen Groll. Leo Kramer zeichnet ihn als anpackenden Realisten.
Sein Gegenpart, die Ranewskaja, ist in ihrer hochgewachsenen aristokratischen Haltung erstarrt. Sie weiß, dass sie schuld ist: »Ich habe das Geld nur so um mich geworfen.« Gleichzeitig ist sie Opfer, traumatisiert durch das Ertrinken ihres Sohns. Sie kommt von Schulden machenden und saufenden Männern nicht los. Friederike Pöschel stellt ihre Zerbrechlichkeit zwischen Repräsentieren-müssen und Nicht-aushalten-können anrührend dar.
Zwischen Ranewskaja und Lopachin stehen ihr latent dementer Bruder Leonid (Andreas Guglielmetti), der prinzipienlose Gutsbesitzer Boris (Gilbert Mieroph) und der ewige Student Petja (Insa Jebens), einst Lehrer des verunglückten Sohns. Sie sind für einen Großteil der eingebauten Komik zuständig. Gleichzeitig sorgen Sie durch ständiges Anbieten von Scheinlösungen für die Entfaltung der Tragödie.
Warja (Sarah Liebert) und die Tochter Anja (Emma Stratmann) wiederum werden zwischen Lopachins Pragmatismus und der Selbstbetäubung der Mutter, der sie die Loyalität nicht versagen können, aufgerieben. Die eine kann aufgrund der Konventionen Lopachin keinen Heiratsantrag machen und wird, als das Gut verloren ist, Haushälterin irgendwo weit weg. Die andere verirrt sich, angestoßen durch den substanzlos philosophierenden Petja, in leere Parolen: »Frei wie die Kirschblüten!«
Internalisierte Standesgrenzen
Wie Liebert Warjas Zerrissenheit spielt, die alles beisammenhalten will, aber nicht kann, ist herzzerreißend. Fast rettet Lopachin für Warja und sich eine Zukunft. Schon auf einem Knie, stammelt er aber nur: »Was hast du denn jetzt vor?« Er kann zwar das Gut kaufen und in Besitz nehmen, aber die internalisierte Standesgrenze nicht überwinden.
Die gelungene Inszenierung von Dominik Günther wird von der schauspielerischen und gesanglichen Leistung des gesamten Ensembles getragen (für die Musik verantwortlich: Jörg Wockenfuß). Am Ende liegen die Matten als geordnete Parzellen auf dem Boden. Lopachin ist oben angekommen, aber verlassen. Woher sollen die Kinder und Enkel kommen, für die er all das tut? Als Pyrrhus-Hymne erklingt als Letztes das aggressive Rattern seiner Motorsäge.
Was hat das mit heute zu tun? Der Bankrott ist selbst verschuldet: Das »Rezept« zur erfolgreichen Vermarktung der Kirschen ging verloren. Europa sorgt sich gerade darum, ohne China nicht einmal Zahnpasta herstellen zu können – einer von vielen möglichen Bezügen. »Sie sollten nicht ins Theater gehen. Sie sollten sich lieber unsere Realität anschauen«, heißt es im Text.
Ein Umweg über das LTT kann nicht schaden.
Schwäbisches Tagblatt, 20. April 2026
Komik und chorische Wehmut im Kirschgarten
(von Peter Ertle)
Schön geworden, dieser Tschechow
Egal ob aus Kostengründen, Nachhaltigkeit oder einer künstlerischen Entscheidung für Reduktionismus und Sachlichkeit: Schon mit dem Bühnenbild positioniert sich diese Inszenierung: Keine Datscha, kein Kirschgarten. Stattdessen das Drama in nuce einer abstrakten Kirschblüte – so kann man die kleine quadratische Spielfläche auf der Bühne zumindest lesen. Quasi schon mal als vollzogene Abholzung von Kulissenschieberei und Opulenz. Die hängt dem Stück aber noch ein bisschen in den Kleidern, sprich: Der Kostümschinken lebt, wenn auch schon deutlich zur Karikatur neigend, in Form dicker russischer Fellmoonboots, drolliger Kapuzen oder fetter Sonnenbrillen. „Komödie“, diese Gattungsbezeichnung gab Tschechow seinem Stück, die Theaterrezeption zeigte sich lange etwas irritiert. Was bitte ist komisch an einer Familie, die sich verschuldet hat und so einfalls- wie tatenlos auf den einzig aus der Misere rettenden Verkauf des prachtvollen alten Familien-Anwesens zusteuert?
Alles!, mag man antworten. Solange man sich entscheidet, es nicht tragisch zu sehen. Wird dieser untergehenden Welt damit ganz das Gewicht, die Relevanz, verweigert? Nein, auch in dieser Inszenierung leben tieferer Ernst und schön anwehende Melancholie, und zwar vor allem in Form ausgefeiltesten Chorgesangs, vielstimmiger Harmonien. Seelenlandschaften, in Ton umgesetzte Schicksalsgemeinschaft. Und auch das darf gerne einmal komisch sein, wenn später, zur verständlicherweise eher unglücklichen Abschiedsfeier für das Anwesen, die Polonaise Blankenese minimalistisch in abgehackte Silben zerstückelt wird. Wirklich reizend. Regisseur Dominik Günther und der musikalische Leiter Jörg Wockenfuß tauschen hier den Pop-, Schlager,- und Rock-Säbel so vieler Stücke mal mit dem gleichermaßen leichteren wie ernsteren klassischen Florett.
Ach, und manchmal sind die besten Sachen ja die, die man nicht recht versteht. In diesem Fall, warum Anja, die am meisten in die Zukunft weisende Figur dieses Stücks, hier so eckig, schrill und in extrem ansatzloser Megawattlautstärke herumschreit, dass man sich schon Sorgen macht, ob Emma Stratmanns Stimme das bis zum Schluss mitmachen wird. Sie wird. Aber, und jetzt kommts: Diese Figur, respective -Stratmanns Spiel: großartig, was für eine Type ihre Figur! Vermutlich ADHS-Diagnose, aber sehr lernfähig, kein Hang zum Drama, stattdessen lustige Dramaqueen, Vernunft in ihrer verrückten Spielart. Luftgeist, Quengelgeist.
Die beiden anderen Pragmatiker und Zukunftsmenschen: Lopachin, Nachkomme ehemals hier angestellter Leibeigener, zu Geld gekommen, den Spieß und die Machtverhältnisse jetzt umdrehend, die Letzten werden die Ersten sein. Aber eine nette, humane Machtübernahme, ohne Groll, schlicht der Vernunft und dem Fortschritt verpflichtet. Leo Kramer spielt ihn denn auch sehr sympathisch, fast charismatisch. Warum er allerdings auf einem Segway durch die Gegend fährt und im (hier aktualisierten) Text die Matcha latte schlürfenden urban Hipster zu den künftigen Herrn alten Eigentums gemacht werden? Das weiß nur der Regisseur. Vielleicht machen seine Hipster ja alle große Erbschaften. Jedenfalls: Bedenkt man, dass Lopachin arbeitet, um die völlig lebenssinnlose Leere in ihm zu stopfen, taugt er schon mal weniger als neuer Held.
Pragmatiker und Zukunftsmensch Nummer drei: Langzeitstudent Pjotr Sergejewitsch, der theoretisch alles weiß, aber weltfern, unerfahren, sein wunder Punkt, von der Gutsbesitzerin mit dem drastischen Verdikt „ungefickt“ unter den Tisch nicht getrunken, sondern gesprochen. Insa Jebens gibt ihn mit ein paar schauspielerischen Kleinoden erstorbener oder nie begonnener Gesprächsanfänge im Duett mit Anja.
Ist der angenehm vernünftige Lopachin letztlich doch nur ein technisch-pragmatisches Flachhirn? Und der über allem Materiellen stehende, politisch linke Pjotr Sergejewitsch, Vorfahr aller frugalistisch woken GenZler, letztlich doch nur ein altklug sich durchs Leben schnorrendes Bübchen? Die Ähnlichkeit dieser beiden sonst als Antipoden durchs Stück geisternden Typen zeigt sich auch in ihrer beider Bindungs- und Liebesunfähigkeit oder Unwilligkeit (Sarah Lieberts Warja verkümmert und verzweifelt sehenswert an Lopachins Zurückweisung). Zwei Nerds, Fachmänner, in Sachen Geist der eine, in Sachen Güter der andere. All das zeigt schon, dass die Kirschgartenwelt nicht in Gestrige und vernünftig Morgige aufgeteilt werden kann, genauso wenig wie der Verlust des Anwesens einseitig nur als überfällige Modernisierungsunfähigkeit (oder um den Transfer ins Heute deutlich zu machen): Transformationsverweigerung gelesen werden kann. Denn was ist von solchen der Zukunft zugewandten Gestalten ernsthaft zu erwarten?
Allegorisch steht die anstehende Parzellierung des Grundstücks samt Kirschgartenabholzung vielmehr sowohl für die Segnungen und gerechteren Umverteilungen des Fortschritts wie auch für dessen Verluste und Zerstörungen; steht die von Friederike Pöschel durchaus anrührend gespielte Ljubow Andrejewna Ranewskaja nicht nur für veraltete Rolle und falschen Gefühlshaushalt, sondern genau für diese Ambivalenz aus Verwurzelung (Russland) und Freiheit (Paris), Liebe zur Natur (Kirschgarten) und Leid durch die Natur (Der Fluss, in dem ihr Sohn ertrank). Sie ist die Einzige, die wirklich gelebte emotionale Bindung praktiziert (und dabei ausgenutzt wird). Ihr Fehler: Sie blickt nur zurück und wird sich nicht mehr ändern können.
Wo die russische Revolution hinging, wissen wir. Wo der Kapitalismus hindrängt, auch: Die Parzellierung des Anwesens könnte sich in einer imaginären und blöd abgebogenen Fortschreibung des Stücks als Immobilien-Miethai-Investition reinsten Wassers herausstellen, der versiegelte Kirschbaumgrund den Aufenthalt in klimaerwärmten Sommern gänzlich verunmöglichen.
Am Ende finden Amerikaner Öl in des Nachbars Garten, wie besoffen vor Glück verteilt er die Geldscheine: Gilbert Mieroph macht daraus wie aus jeder seiner Szenen ein allerfeinstes Schauspielmoment. Den obergestrigen Schwärm- und Schwatzgeist Leonid Gajew wiederum hätten wohl alle mit Andreas Guglielmetti besetzt. Insofern: Alles gut. Schon recht schön geworden, dieser Tschechow.
cul-tu-re.de online, 18. April 2026
„Kirschgarten“ – Kettensäge und Segway
(von Martin Bernklau)
Riesiger Jubel, allerhand Juchzer, ganz langer Applaus und viele Vorhänge für ein gutes Stück.
Vieldeutigkeit ist ein hohes Gut. Sie trennt die Kunst vom Kitsch. „Der Kirschgarten“ bekam anno 1904 in Moskau seine zweite Uraufführung. Schon dabei zerstritt sich Anton Tschechow mit seinem Regisseur Konstantin Stanislawski über die Deutung der Geschichte und die ihrer Figuren. Der materielle und moralische Niedergang der Adelsfamilie von Ljubow Ranewskaja (Friederike Pöschel) findet sein symbolstarkes Ende mit dem Abholzen des von allen so tief geliebten Kirschgartens mitten in seiner letzten Blüte. Der reich gewordene Kaufmann Lopachin (Leo Kramer), als Sohn leibeigener Bauern geboren, ersteigert am Ende das heruntergewirtschaftete Gut – und kommt mit der Kettensäge.
Tschechows „Kirschgarten“ hatte mal eine große Zeit ab den Neunzigern an den Theatern, als ihn Peter Stein an der Berliner Schaubühne und in Salzburg, Peter Zadek an der Wiener Burg inszenierten. Das war eine Art Abgesang der alten 68-er für die linke, die marxistisch klassenkämpferische Sicht auf diese melancholische Tragikomödie der Dekadenz. LTT-Hausregisseur Dominik Günther hat die neuere Übersetzung von Elina Finkel noch einmal aktualisiert und das Stück stark gestrafft. Der Kern blieb erhalten, wenn auch viel von Tschechows lakonisch-dichter Sprache wegfiel. Dafür kamen neben einiger Musik ein paar Transgender-Elemente hinein, die den Steins und Zadeks seinerzeit wohl nur ein verständnisloses Achselzucken abgerungen hätten.
Anton Tschechow war Arzt. Als Erzähler und Dramatiker wurde er zum sezierenden Pathologen einer vorrevolutionären russischen Gesellschaft zwischen Spätfeudalismus und Bourgeoisie. Der „Kirschgarten“ war sein letztes Stück, in Moskau uraufgeführt, ein halbes Jahr bevor er 1904 an Tuberkulose starb. Seine „Drei Schwestern“ hatte es noch aus der Provinz „nach Moskau!“ gezogen, die Ranewskaja flieht mit Tochter Anja (Emma Stratmann) nach Paris, nachdem ihr Mann mit all seinen Schulden am Suff gestorben und danach noch der sechsjährige Sohn Grisha im Fluss ertrunken war. Adoptivtochter Warja (Sarah Liebert) und Bruder Leonid (Andreas Guglielmetti) sollen die Stellung halten. Doch auch der französische Geliebte verprasst nur ihr verbliebenes Geld und säuft sich gleichfalls zu Tode, „mit Champagner“.
Die Ranewskaja kommt zurück, zu retten, was zu retten ist. Der gleichermaßen verschuldete Nachbar Boris (Gilbert Mieroph) scharwenzelt immer noch um Kredit bettelnd herum und verscherbelt seinen Grund schließlich an englische Investoren. Trofimov, ein kopflastiger und lebensuntauglicher Langzeitstudent (Insa Jebens) wäre nun auch keine wirklich gute Partie für die Töchter.
Der Emporkömmling Lopachin – Leo Kramer zeichnet den vormaligen Leibeigenen auf seinem Segway leicht und stimmig als tatkräftigen Mann mit Zukunft – empfiehlt zur Abwendung der Zwangsversteigerung das Abholzen des Kirschgartens, um auf dem Areal Datschen zu parzellieren und dann teuer zu verpachten. Nicht nur der Herrin, immer dichter charakterisiert in ihrer Dekadenz von Friedrike Pöschel, blutet bei dem Gedanken das von Erinnerungen schwangere und schwere Herz. Man bleibt einfach untätig.
Mit originellen Chorsätzen von Jörg Wockenfuß für das ganze Ensemble hat die Regie die Handlung ergänzt. Modern Talkings „Cheri Cheri Lady“ passt zum Titel und die „Polonäse Blankenese“ zur partygeilen Dümmlichkeit des dekadenten Personals. Sandra Fox hat die Bühne auf ein asketisches Minimum reduziert. Bei den Kostümen aber brezelt sie ihre Figuren teils knallig auf, vor allem die Tochter. Student Trofimov, der Nerd, von Insa Jebens in Männerklamotten dargestellt, ist noch ganz okay. Die Choreos – naja. Anstrengend jedenfalls.
Aber Gilbert Mieroph tut sich ungewohnt schwer, als Nachbar und abgewirtschafteter Gutsbesitzer („Ich bin der Hengst!“) zwischen Sonnenbrille, femininer Federboa und rosarotem Stirnkranz einen Charakter zu formen oder solcher Rolle wenigstens einen plausiblen Typus abzugewinnen. Man darf fragen, welchen dramaturgischen Sinn diese Gender-Camouflage macht – oder ob sie nur das pflichtschuldige Zugeständnis an einen (wohl doch allmählich abflauenden) Zeitgeist ist. Die fallenden Kirschblüten (siehe das Titelbild) haben Sinn – und sind schön.
Klar, man kann die Sprache auf hip bürsten, wie man den Aufsteiger Segway fahren lassen darf. Aber ein wenig übertrieben wirkt es doch, wenn die tatsächlich „abgefuckte“ Gutsherrin den lebensfremden Dauerstudenten als „ungefickt“ verhöhnt. Sind solche Sexismen vielleicht gar kraftmeiernde Ersatzhandlungen in der voll durch-pornografisierten, aber faktisch prüdesten Gesellschaft seit Adenauer?
Die dichtesten Darstellungen in einem ausgeglichen guten Ensemble boten Friederike Pöschel und Leo Kramer. Die Komik hatte angesichts der tieftraurigen Grundierung bei allen das richtige Maß. Und Timing. Kein Fishing for gags. Aber ein paar Lacher können ja nicht schaden. Dass Dominik Günther all die gestrichenen Szenen und Sätze nutzte, um die Ratlosigkeit dieser einst so feinen, aber todgeweihten Gesellschaft in langen, geduldigen, spannenden Pausen spürbar zu machen, gab dem LTT-„Kirschgarten“ Intensität. Und am Schluss, nach trostlos traurigem Abschied, kam Leo Kramer nicht wie Tschechows Lopachin mit der Axt. Er kam mit der Kettensäge zum Kirschbaum-Massaker. Sehr effektvoll.
Riesiger Jubel, allerhand Juchzer, ganz langer Applaus und viele Vorhänge für ein gutes Stück.
