Eine Tragikomödie von Anton Tschechow · 14+
kreisbote.de, 25. April 2026
LTT mit „Kirschgarten“ in Landsberg: Kettensägenmassaker in Puderrosa
(von Susanne Greiner)
Die Essenz hervorragend herausgearbeitet, gesellschaftspolitisch erschreckend aktuell und dazu rundum vergnüglich.
Schwarzwälder Bote, 21. April 2026
Bitteres im Regen weißer Blütenblätter
(von Christoph Holbein)
Bestens umgesetzt und schön auspointiert
Reutlinger General-Anzeiger, 20. April 2026
(von Johannes Barthmes)
In der Regie von Dominik Günther bekommt Tschechows Klassiker »Der Kirschgarten« am LTT frischen Schwung
Schwäbisches Tagblatt, 20. April 2026
Komik und chorische Wehmut im Kirschgarten
(von Peter Ertle)
Schön geworden, dieser Tschechow
Egal ob aus Kostengründen, Nachhaltigkeit oder einer künstlerischen Entscheidung für Reduktionismus und Sachlichkeit: Schon mit dem Bühnenbild positioniert sich diese Inszenierung: Keine Datscha, kein Kirschgarten. Stattdessen das Drama in nuce einer abstrakten Kirschblüte – so kann man die kleine quadratische Spielfläche auf der Bühne zumindest lesen. Quasi schon mal als vollzogene Abholzung von Kulissenschieberei und Opulenz. Die hängt dem Stück aber noch ein bisschen in den Kleidern, sprich: Der Kostümschinken lebt, wenn auch schon deutlich zur Karikatur neigend, in Form dicker russischer Fellmoonboots, drolliger Kapuzen oder fetter Sonnenbrillen. „Komödie“, diese Gattungsbezeichnung gab Tschechow seinem Stück, die Theaterrezeption zeigte sich lange etwas irritiert. Was bitte ist komisch an einer Familie, die sich verschuldet hat und so einfalls- wie tatenlos auf den einzig aus der Misere rettenden Verkauf des prachtvollen alten Familien-Anwesens zusteuert?
Alles!, mag man antworten. Solange man sich entscheidet, es nicht tragisch zu sehen. Wird dieser untergehenden Welt damit ganz das Gewicht, die Relevanz, verweigert? Nein, auch in dieser Inszenierung leben tieferer Ernst und schön anwehende Melancholie, und zwar vor allem in Form ausgefeiltesten Chorgesangs, vielstimmiger Harmonien. Seelenlandschaften, in Ton umgesetzte Schicksalsgemeinschaft. Und auch das darf gerne einmal komisch sein, wenn später, zur verständlicherweise eher unglücklichen Abschiedsfeier für das Anwesen, die Polonaise Blankenese minimalistisch in abgehackte Silben zerstückelt wird. Wirklich reizend. Regisseur Dominik Günther und der musikalische Leiter Jörg Wockenfuß tauschen hier den Pop-, Schlager,- und Rock-Säbel so vieler Stücke mal mit dem gleichermaßen leichteren wie ernsteren klassischen Florett.
Ach, und manchmal sind die besten Sachen ja die, die man nicht recht versteht. In diesem Fall, warum Anja, die am meisten in die Zukunft weisende Figur dieses Stücks, hier so eckig, schrill und in extrem ansatzloser Megawattlautstärke herumschreit, dass man sich schon Sorgen macht, ob Emma Stratmanns Stimme das bis zum Schluss mitmachen wird. Sie wird. Aber, und jetzt kommts: Diese Figur, respective -Stratmanns Spiel: großartig, was für eine Type ihre Figur! Vermutlich ADHS-Diagnose, aber sehr lernfähig, kein Hang zum Drama, stattdessen lustige Dramaqueen, Vernunft in ihrer verrückten Spielart. Luftgeist, Quengelgeist.
Die beiden anderen Pragmatiker und Zukunftsmenschen: Lopachin, Nachkomme ehemals hier angestellter Leibeigener, zu Geld gekommen, den Spieß und die Machtverhältnisse jetzt umdrehend, die Letzten werden die Ersten sein. Aber eine nette, humane Machtübernahme, ohne Groll, schlicht der Vernunft und dem Fortschritt verpflichtet. Leo Kramer spielt ihn denn auch sehr sympathisch, fast charismatisch. Warum er allerdings auf einem Segway durch die Gegend fährt und im (hier aktualisierten) Text die Matcha latte schlürfenden urban Hipster zu den künftigen Herrn alten Eigentums gemacht werden? Das weiß nur der Regisseur. Vielleicht machen seine Hipster ja alle große Erbschaften. Jedenfalls: Bedenkt man, dass Lopachin arbeitet, um die völlig lebenssinnlose Leere in ihm zu stopfen, taugt er schon mal weniger als neuer Held.
Pragmatiker und Zukunftsmensch Nummer drei: Langzeitstudent Pjotr Sergejewitsch, der theoretisch alles weiß, aber weltfern, unerfahren, sein wunder Punkt, von der Gutsbesitzerin mit dem drastischen Verdikt „ungefickt“ unter den Tisch nicht getrunken, sondern gesprochen. Insa Jebens gibt ihn mit ein paar schauspielerischen Kleinoden erstorbener oder nie begonnener Gesprächsanfänge im Duett mit Anja.
Ist der angenehm vernünftige Lopachin letztlich doch nur ein technisch-pragmatisches Flachhirn? Und der über allem Materiellen stehende, politisch linke Pjotr Sergejewitsch, Vorfahr aller frugalistisch woken GenZler, letztlich doch nur ein altklug sich durchs Leben schnorrendes Bübchen? Die Ähnlichkeit dieser beiden sonst als Antipoden durchs Stück geisternden Typen zeigt sich auch in ihrer beider Bindungs- und Liebesunfähigkeit oder Unwilligkeit (Sarah Lieberts Warja verkümmert und verzweifelt sehenswert an Lopachins Zurückweisung). Zwei Nerds, Fachmänner, in Sachen Geist der eine, in Sachen Güter der andere. All das zeigt schon, dass die Kirschgartenwelt nicht in Gestrige und vernünftig Morgige aufgeteilt werden kann, genauso wenig wie der Verlust des Anwesens einseitig nur als überfällige Modernisierungsunfähigkeit (oder um den Transfer ins Heute deutlich zu machen): Transformationsverweigerung gelesen werden kann. Denn was ist von solchen der Zukunft zugewandten Gestalten ernsthaft zu erwarten?
Allegorisch steht die anstehende Parzellierung des Grundstücks samt Kirschgartenabholzung vielmehr sowohl für die Segnungen und gerechteren Umverteilungen des Fortschritts wie auch für dessen Verluste und Zerstörungen; steht die von Friederike Pöschel durchaus anrührend gespielte Ljubow Andrejewna Ranewskaja nicht nur für veraltete Rolle und falschen Gefühlshaushalt, sondern genau für diese Ambivalenz aus Verwurzelung (Russland) und Freiheit (Paris), Liebe zur Natur (Kirschgarten) und Leid durch die Natur (Der Fluss, in dem ihr Sohn ertrank). Sie ist die Einzige, die wirklich gelebte emotionale Bindung praktiziert (und dabei ausgenutzt wird). Ihr Fehler: Sie blickt nur zurück und wird sich nicht mehr ändern können.
Wo die russische Revolution hinging, wissen wir. Wo der Kapitalismus hindrängt, auch: Die Parzellierung des Anwesens könnte sich in einer imaginären und blöd abgebogenen Fortschreibung des Stücks als Immobilien-Miethai-Investition reinsten Wassers herausstellen, der versiegelte Kirschbaumgrund den Aufenthalt in klimaerwärmten Sommern gänzlich verunmöglichen.
Am Ende finden Amerikaner Öl in des Nachbars Garten, wie besoffen vor Glück verteilt er die Geldscheine: Gilbert Mieroph macht daraus wie aus jeder seiner Szenen ein allerfeinstes Schauspielmoment. Den obergestrigen Schwärm- und Schwatzgeist Leonid Gajew wiederum hätten wohl alle mit Andreas Guglielmetti besetzt. Insofern: Alles gut. Schon recht schön geworden, dieser Tschechow.
cul-tu-re.de online, 18. April 2026
„Kirschgarten“ – Kettensäge und Segway
(von Martin Bernklau)
Riesiger Jubel, allerhand Juchzer, ganz langer Applaus und viele Vorhänge für ein gutes Stück.