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Nach dem Roman von Oscar Wilde · 15+
Schwäbisches Tagblatt, 20. April 2026
Dorian Gray: Content follows form, stupid!
(von Peter Ertle)
Großartig [...] Regisseur Niko Eleftheriadis vollbringt das Künststück, gleichzeitig einen sprachlich funkelnden Text und körperliches Theater mit viel Schauwert hinzuzaubern. Eine Stück- und Inszenierungserarbeitung in der Qualität ist alles andere als üblich. Das Quartett, das am LTT mit sprühender Spielfreude am Werk ist: Jonas Breitstadt, Sebastian Fink, Robi Tissi Graf und Susanne Weckerle.
Inhalt? Ein Trugbild der Form. Moral? Was für Spießer. „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist am LTT mehr Motivbespielung als Story-Adaption – das aber großartig.
Ist „Das Bildnis des Dorian Gray“ nicht ein Roman? Doch. Ist heutzutage ja kein Problem. Tatsächlich wird der Stoff landauf landab gerne dramatisiert. Was in diesem Fall viel naheliegender ist als bei der Flut sonstiger Romanadaptionen fürs Theater. Handelt es sich doch um Oscar Wildes einzigen Ausflug in die längere Prosa, der Mann war vor allem Dramatiker. Vor vier Jahren war sein „Bunbury“ am LTT zu sehen.
Im LTT haben das nun Nikos Eleftheriadis und sein Ensemble besorgt. Und da der Stoff, wenn auch als skandalumwittertes enfant-terrible, so doch klar zum klassischen Bildungskanon gehört, hier gleich eine Warnung vorab: Zum Kennenlernen der Romanhandlung, zum Schulklassenreinführen eignet sich dieses Stück nicht. Obwohl das vielleicht doch nicht schlecht wäre, solange man die Jugend noch nicht ganz fürs Theater abgeschrieben hat. Denn wer wissen möchte, wie aufregende, ihren Stoff ernst nehmende und gleichzeitig Spaß machende zeitgenössische Dramatik aussehen könnte, wer wissen möchte, wie sich Motive, Haltungen, Attitüden und Fragestellungen eines Stoffs dramatisieren lassen und in eine zeitlose oder besser gesagt mit gestern und heute vollgesogene Theaterwelt transferieren lassen – der ist bei dieser Inszenierung bestens aufgehoben und glänzend unterhalten.
Nacherzählen der Story? Pah! Mit so was Ödem gibt man sich hier nicht ab. Dafür steckt dieses Stück voller Lüsternheit, Eitelkeit, Verächtlichkeit, grellstem Ästhetizismus und Dandytum, frechen Bonmots, viel Ennui, zur Binse gewordenen Lebensweisheiten, Oden an die Oberfläche. Und bitte möglichst auf Englisch, vorzugsweise Upper East Side, ein Brückenschlag vom Jugendstil-London des Autors zur Popart-Domäne ein halbes Jahrhundert später.
Mal wähnt man sich im Quartett gefährlicher Liebschaften, mal fragt man sich, ob jetzt gerade Passagen eines Interviews mit Andy Warhol an einem vorüberziehen; kurz sitzt man in der Bauhaus-tauglichen Lobpreisung eines ordinären Plastikstuhls, für dessen Beschreibung und mögliche Alterung zumindest kein Moralin und keine falschen Komplimente nötig sind. Dann rauscht man in eine irrwitzige Parodie der auf Insta und Co vorgelebten Selbstoptimierungstechniken, vermutlich samt Selbstoptimierungsabstinenz als dernier Optimierungs-Cri. Schließlich landet man in diesem Kinofilm mit Demi Moore, den man damals gesehen oder verpasst hat, klar, das konnte nicht fehlen, schließlich geht es ja um das nicht alternde Ich als Ideal.
Dann ein heftiger break, Einfall von etwas, was man bei aller Vorsicht Wirklichkeit oder Wahrheit nennen könnte, oder Gegenwelt, Katzenjammer, Schmerz der ganz realen, zwischenmenschlichen Beziehung, die sich eben nicht wegästhetisieren lässt, kurz: Moral. Hat im Roman ja auch seinen Ort. Hier, auf der Bühne passiert das in Form von „authentischen“ Erzählungen der Schauspieler.
Und, rumms, wieder raus da, viel Nebel, dauernd viel Bühnennebel, ein schön verunglückter Bühnenauftritt als Julia – jetzt sind wir wieder kurz in der Romanhandlung – gefolgt von einem Gang der Schauspielerin durch die Publikumsreihen mit einem kompletten Desillusionstext zwischen Dada, Popart und Nihilismus, alles nur Fleisch und das Fleisch nur Schein und Ware und nichts dahinter. Ist das jetzt gemein oder doch schon wieder charmant? Immer und überall in diesem Stück ein sophisticated Spiel mit der eigenen Bühnenrealität, vom Flirt mit der Probenatmosphäre zum Herbeizitieren der anderen Hauspremiere am Vortag, Cechovs Kirschgarten. Allerliebst.
Ach ja, ab und zu sind da schon Fetzen der Story. Und drastisch geht es zu, wenn einem in die Arschspalte geguckt, ein Gesicht als schöner Klodeckel bezeichnet oder dem Spiegelbild ans Gemächt gegriffen wird. Einmal sogar Nacktheit. Oha. (Ab 14 haben sie am LTT dazu geschrieben.) Sonst haben sie schon was an, und auf, rote Clownsperücken oder eierschalenfarbene Anzüge, they are the eggmen. Am Ende steht aber kein Walross, sondern ein Rhinozeros. Warum? Ja, da machen wir jetzt mal einen Cliffhänger.
Wollen aber noch anmerken, dass die Kostüme von Heike Mondschein sind, die auch für die Bühne verantwortlich zeichnet und natürlich kräftig das Motiv Bild beziehungsweise Bilderrahmen bespielt. Während Regisseur Niko Eleftheriadis das Kunststück vollbringt, gleichzeitig einen sprachlich funkelnden Text und körperliches Theater mit viel Schauwert hinzuzaubern. Eine Stück- und Inszenierungserarbeitung in der Qualität ist alles andere als üblich. Das Quartett, das am LTT mit sprühender Spielfreude am Werk ist: Jonas Breitstadt, Sebastian Fink, Robi Tissi Graf und Susanne Weckerle.
Reutlinger Generalanzeiger, 19. April 2026
(von Thomas Morawitzky)
Temporeich, unterhaltsam und diskursiv
Niko Eleftheriadis verwandelt Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray« am LTT in eine schrille Reflexion
cul-tu-re.de, 19. April 2026
(von Martin Bernklau)
Die Zuschauer umjubelten das Experiment einer queeren Vereinnahmung des „Dorian Gray“-Stoffes und seiner Verfremdung ins Hier und Jetzt begeistert und ausdauernd.
Ja. Eine Figur macht sich frei. Sie lässt die Hosen runter. Ein sauber frisierter Penis durchschnittlicher Form und Größe, die Hoden drunter, sollte sie als Mann, als Cis-Mann, als biologischen Mann ausweisen. Doch so einfach ist das nicht im „Bildnis des Dorian Gray“, einer Stückentwicklung von Niko Eleftheriadis mit seinem vierköpfigen Ensemble. Am Samstagabend hatte die sehr freie Oscar-Wilde-Adaption in der Werkstatt des Tübinger LTT ihre ziemlich ausverkaufte und gefeierte Premiere. [...]
