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Ein wortwitziges Roadmovie durch die Provinz von Josef Hader und Alfred Dorfer als sommerlicher Open-Air-Spaß im LTT-Hof · 15+
Schwarzwälder Bote, 22. Juni 2026
Ein klein wenig abseits des Mainstreams
(von Christoph Holbein)
„Der Tod ist nichts endgültiges, das ist wie Umsteigen in Herrenberg.“ Das ist nicht aufgesetzt, das kommt glaubhaft herüber. Da offenbart die Inszenierung ihre Stärke. Und auch da zeigen sich Bringmann und Kindermann famos aufgelegt und von ihrer schauspielerisch besten Seite bis hin zu intensiver Nähe und einer unschuldigen Zärtlichkeit. Und dieser Eindruck bleibt.
Am Landestheater Tübingen geht das Stück „Indien“ im Freilicht auf dem LTT-Hof aktuell über die Bühne. Die Inszenierung hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Manches wirkt dann doch zu derb, zotenhaft und klischeebehaftet.
Für zartbesaitete Seelen und Anhänger des fein ziselierten Humors ist das Stück „Indien“ von Josef Hader und Alfred Dorfer nicht wirklich geeignet: Zu derb, grob, klischeehaft und gar mit frauen- und fremdenfeindlichen Tönen kommt es daher, gewinnt erst im letzten Drittel an inhaltlicher Tiefe und emotionaler Schärfe. Es ist also ein gewisses Wagnis, das Werk auf die Bühne zu bringen. Regisseur Thorsten Weckherlin geht dieses Risiko ein und inszeniert dieses „Roadmovie“ als Sommertheater im Freilicht auf dem Hof des Landestheaters Tübingen (LTT) fast, wie es scheint, mit diebischer Freude.
Die Tragikomödie des österreichischen Kabarettisten Josef Hader und seines Kollegen Alfred Dorfer wirkt in den Sujets, die sie präsentiert, ein wenig aus der Zeit gefallen, nicht immer zeitgemäß -oder vielleicht letztendlich doch? Die beiden Protagonisten – der sinnfreie „Weisheiten“ vor sich hin plappernde Kurt Fellner und der dumpfe, dennoch herzliche Prolet Heinzi Bösel, erweisen sich als kongeniales Duo, das an das US-Komiker-Paar Walter Matthau und Jack Lemmon erinnert, die in ihren gemeinsamen Filmkomödien genau diese Gegensätze in allen Facetten zelebriert haben.
Und genauso kongenial und menschlich authentisch agieren Martin Bringmann und Rolf Kindermann bei der Inszenierung im LTT-Hof. Unterwegs – witzig, wie sie röhrend und bremensquietschend mit dem roten Oldtimer-Auto angefahren kommen – um drittklassige Hotels und Gasthöfe zu testen, reisen sie quer durch die Provinz – Weckherlin streut Lokalkolorit ein – von einem Wirtshaus zum nächsten: Vinzenz Hegemann lässt in seinem Bühnenbild mit wenigen Umbau-Handgriffen immer wieder eine neue Lokal-Atmosphäre entstehen.
Zwischen den Beiden entwickelt sich aus den gegenseitigen Nicht-Gesprächen entlang von zunächst Klamauk und Comedy, Skurrilität und Slapstick – wenn das Schmalzbrot im Gesicht landet –, zum Teil makaberen, vulgären und obszönen Texten und Macho-Gehabe aus einer anfänglichen Feindschaft eine innere Verbindung – begleitet von Emma Stratmann, die alle Wirt-Figuren spielt und ostentativ Gurken essend auch gesanglich den fraulichen Widerpart offeriert. Mit zunehmender Spieldauer gewinnt die Inszenierung an innerer Wärme, an Melancholie und Würde und schafft es, dann doch noch anzurühren und zu fesseln. Wenn Rolf Kindermann als Kurt Fellner im Krankenhausbett mit der Diagnose Krebs in den Armen von Martin Bringmann als Heinzi Bösel liegt, dann nimmt der Zuschauer den beiden Protagonisten die Entwicklung hin zu einer Männerfreundschaft ab. Und plötzlich kippt das Spiel in eine heitere Ernsthaftigkeit, die angesichts des nahenden Sterbens trotzdem lebensbejahend bleibt: „Der Tod ist nichts endgültiges, das ist wie Umsteigen in Herrenberg.“ Das ist nicht aufgesetzt, das kommt glaubhaft herüber. Da offenbart die Inszenierung ihre Stärke. Und auch da zeigen sich Bringmann und Kindermann famos aufgelegt und von ihrer schauspielerisch besten Seite bis hin zu intensiver Nähe und einer unschuldigen Zärtlichkeit. Und dieser Eindruck bleibt.
Schwäbisches Tagblatt, 22. Juni 2026
Menschlich, tragisch, komisch – „Indien“ erzählt die Geschichte einer Männerfreundschaft
(von Mia Dumont)
Was als unfreiwillige Geschäftsreise beginnt, endet in bedingungsloser Freundschaft. In „Indien“ nähern sich zwei Männer an – auf ihre ganz eigene Art und Weise.
Das „Hotel Krone“ bietet eine urige Kulisse: blau-weiß karierte Tischdecken, rote Stühle, dunkles Holz an den Wänden. Die Fenster zieren Vorhänge mit Tiermotiven. An der Wand hängt ein Bild einer Berglandschaft (Bühne und Kostüme: Vinzenz Hegemann). Die Wirtin (Emma Stratmann) steht im Dirndl und mit geflochtenen Zöpfen hinter dem Tresen und schreibt emsig. An einem der Tische sitzt ein Gast (Daniel Raih/Janneke Crienitz/Johanna Villhauer).
Gestört wird die ländliche Ruhe durch ein vorfahrendes Auto, das mit quietschenden Reifen vor dem Gasthaus hält. Aus dem roten Audi steigen Heinz Bösel (Martin Bringmann) und Kurt Fellner (Rolf Kindermann), ein ungleiches Duo, wie bereits an ihrem äußeren Erscheinungsbild zu erkennen ist. Während Bösel, etwas gedrungener in brauner Hose und mit Brille, in die Stube schlurft, um wortlos das Schnitzel zu testen, läuft Fellner im Stechschritt auf die Wirtin zu. Den Block hat der schlaksige Fellner im Nadelstreifenanzug und mit Krawatte unter den Arm geklemmt. Die Haare trägt er akkurat gescheitelt.
Aus Österreich nach Tübingen
Das Tübinger LTT zeigt das Stück „Indien“ von Josef Hader und Alfred Dorfer, zwei der bekanntesten Kabarettisten Österreichs. Regie führt Thorsten Weckherlin. Geschrieben haben Hader und Dorfer das Stück bereits 1991. Die Themen, die es berührt, büßen dennoch nicht an Aktualität ein.
Heinz Bösel und Kurt Fellner, die beiden Protagonisten im Stück, können sich erst einmal gar nicht leiden. Während Fellner als penibler, modischer und halbgebildeter Beamter nach Erfolg strebt, verkörpert Bösel den ungepflegten, ungebildeten Kleinbürger, der gerne vor sich hingrantelt. Doch die beiden müssen miteinander auskommen: Ihr Job ist es, gemeinsam für das Fremdenverkehrsamt durch die Provinz zu fahren und Restaurants zu testen.
Während Fellner in der ersten Szene erbarmungslos auf die Wirtin einredet, ergreift Bösel in der darauffolgenden Szene im Gasthaus „Zum zerbrochenen Krug“ ebenfalls das Wort. Doch von einem fruchtbaren Dialog sind die beiden Männer meilenweit entfernt: Fellner versucht, sich und Bösel die Welt zu erklären, indem er am liebsten über andere Völker sinniert, Bösel gibt nur kurze Ein-Wort-Sätze von sich. Verstärkt wird die Situationskomik dadurch, dass die Wirtin bei der Arbeit ununterbrochen in einem Buch liest.
Wendepunkt der komischen Dialog-Gefechte, die immer ordinärer und verletzender werden, ist Fellners persönliche Situation: Er hat schweren Liebeskummer. Von da an wirkt Bösel geradezu fürsorglich. Am nächsten Morgen ist er es, der redet, während Fellner schweigend seinen Kaffee trinkt.
Zwischen den Protagonisten entspinnt sich eine Freundschaft, die ganz zart beginnt. Als sie sich zusammen betrinken, verliert Fellner die Kontrolle. Die Wirtin, die den beiden Männern Paroli bietet und das Geschehen zudem gesanglich kommentiert, ist sichtlich genervt (Musikalische Leitung: Jörg Wockenfuß). In der Nacht treffen Fellner und Bösel dann abermals aufeinander: Fellner, bunte Boxershorts, weißes Unterhemd und Socken in Adiletten, trifft auf Bösel, beziehungsweise auf eine verschlossene Klotüre, hinter der Bösel sein Geschäft verrichtet. Während Bösel gehemmt ist, weil Fellner direkt vor der Türe steht, hält Fellner es nicht mehr aus und pinkelt ins Waschbecken.
„Wissen Sie, dass Sie der einzige Mensch sind seit meiner Mutter, neben dem ich scheißen konnte?“, fragt Bösel Fellner in seiner direkten Art. Von diesem Moment an sind die beiden Männer per Du. Besiegelt wird die Freundschaft durch eine lange, etwa unbeholfen wirkende Umarmung, die aber ehrlicher nicht gemeint sein könnte.
In den darauffolgenden Passagen verwandeln sich die derb-ungehobelten Dialoge in intime Gespräche über Ängste und Sexualität, die die Schwächen und Verletzungen der beiden Protagonisten offenbaren. Passend zur gewandelten Beziehung hat sich auch das Bühnenbild verändert: Aus der Gaststube ist ein Krankenzimmer geworden, Emma Stratmann ist in die Rolle der strengen, unnahbaren Ärztin geschlüpft.
Im Krankenhausbett, das hereingefahren wird, liegt Fellner. Er ist blass um die Nase, am Fußende befindet sich seine braune Aktentasche, die er während des ganzen Stücks mit sich führt. Ein Zeichen, dass er auch als Patient noch versucht, die Kontrolle über sein Leben zu bewahren. Doch das Schicksal hat zugeschlagen: Fellner hat Krebs.
Die Dialoge kreisen nun um das Nicht-Wahr-Haben-Wollen, um Schicksal und Kindheitserinnerungen. Gestört werden die melancholischen Szenen auf makabre Art und Weise: Immer wieder ist das ohrenbetäubende Geräusch eines Bohrers zu hören. Bösel schreit in den Gang des Krankenhauses hinaus, um sich danach bei Fellner zu entschuldigen: „Entschuldige! Aber in Indien gibt es ja auch keine Bauarbeiten!“ Hier wird deutlich, wie die beiden auch sprachlich zusammengewachsen sind. Beim Publikum sorgen Szenen dieser Art für zurückhaltende Lacher. Ganz so, als könne es sich nicht entscheiden, ob die Bemerkungen lustig oder eher verstörend sind.
Angesichts des Todes bleibt den Freunden nicht mehr viel Zeit. „Heinz, du bist ein Idiot“, sagt Fellner zu Bösel, „Aber ich finde es schön, dass du hier neben meinem Bett stehst und nicht ein anderer.“ Dieser Satz wirkt wie eine Liebeserklärung an die Männerfreundschaft. Trotz aller Tragik bleibt der Zuschauer damit am Ende versöhnt zurück.
Reutlinger Generalanzeiger, 19. Juni 2026
Provinzialität und große Fragen
(von Christoph B. Ströhle)
Josef Haders und Alfred Dorfers Stück "Indien" kommt auf der Freilichtbühne des LTT derb , aber auch zärtlich daher.
