Jugendstück mit der Kraft zur Selbstermächtigung von Till Wiebel · 11+
Schwäbisches Tagblatt, 14. März 2026
(von Dorothee Hermann)
Das Jugendstück "Funken" am Jungen LTT führt in ein Sommercamp zwischen Freundschaft und Horror.
Dieses Feriencamp sieht verdächtig nach Containerwohnen aus. Damit macht das Bühnenbild von Anfang an klar, dass dem Freizeit-Angebot der Arthur McPush Cooperation für Jugendliche mit besonderen Begabungen nicht zu trauen ist (Bühne und Kostüme: Anne Horny). Statt Freiheit und Unbeschwertheit im Freien dominieren normierte Innenräume, die sich nach Gefängnis anfühlen. Zwar öffnet sich die anfängliche Enge bald, doch die Weite der gesamten Bühne, weiterhin im Container-Design, wird wiederum durch geometrische Strukturen abgelöst, die ganze Bereiche dem Blick entziehen. Das ist das kühle Setting von „Funken – Jugendstück mit der Kraft zur Selbstermächtigung“ von Till Wiebel, das am Freitag beim Jungen LTT Premiere hatte (Regie: Swaantje Lena Kleff).
Der Stoff weckt Erinnerungen an „Herr der Fliegen“. In dem Roman von William Golding stranden Jugendliche fast wie Robinson auf einer unbewohnten Insel und müssen ganz ohne Erwachsene klarkommen. Doch so viel sei vorab verraten: Anders als „Herr der Fliegen“ endet „Funken“ nicht in todbringender Gewalt. Alles andere wäre auch ein bisschen heftig für Kinder und Jugendliche ab elf Jahren, an die sich die Inszenierung richtet.
Im Stück kommen sie nur dann eventuell gegen einen ausbeuterischen Erwachsenen an, wenn sie sich zusammentun. Jene Instanz hat jede Regung auf dem Gelände unter Kontrolle (dass aus dem Off eine Art männliche Gottvater-Stimme ertönt, mutet ziemlich klischeehaft an). Verdeckte Überwachung macht es möglich. Ein Augenpaar, das am Anfang zwischen den Lamellen einer herabgezogenen Jalousie auf die Bühne späht, nimmt das Motiv vorweg. Durch gemeinsames Handeln die technologische Beherrschung aufzubrechen, klingt fast unvorstellbar, soll der dystopischen Szenerie aber den gewissen hoffnungsvollen Touch verleihen.
Aber zunächst müssen alle erst noch herausfinden, was es mit dem Camp eigentlich auf sich hat. Als der 13-jährige Malte (Michael Mayer) im Ferienlager eintrifft, schlägt der Normalo mit dem gelben Topfhut erstmal ziemlich hart auf. Am liebsten würde er sofort zurück zu seiner Mutter. Er fühlt sich unbehaglich fremd und muss sich auch noch mit anderen messen, wie es zu jedem Coming-of-Age gehört. Zunächst sieht es aus, als habe er eher wenig zu bieten, beispielsweise im Vergleich zu Twinkle (Toni Pitschmann). Mit den grünen Flügelchen an den Schultern könnte sie glatt als hochgerüstete Elfe mit heftigem Militär- oder zumindest verschärftem Outdoor-Look durchgehen. Sie hat allerhand Messgeräte bei sich und kennt sich nicht nur mit Wolken und plötzlichen Wetterumschwüngen aus.
Bei Twinkle kann Malte seine Selbstzweifel offen zugeben und fragen: „Ist es okay, normal zu sein?“ Sie reagiert ziemlich unerwartet: „Stell‘ dir vor, dein Leben ist ein ständiges Gewitter. Du musst dich ständig rechtfertigen, dafür, wie du heißt, wie du aussiehst, was du weißt.“ Sie habe sich immer gewünscht, normal zu sein. Es sind solche Zwischentöne, die das Stück aus dem üblichen Robinson- und Dystopie-Genre herausheben. Aber Malte ist immer noch unsicher: „Ich weiß einfach nicht, was ich hier soll. Alle anderen scheinen ganz genau zu wissen, was sie hier sollen.“
Ganz in Pink stolziert der showtaugliche Shawn (Yaroslav Somkin) starmäßig durch die Szenerie. Auf Maltes beunruhigte Feststellung, im Camp gebe es ja gar keine Erwachsenen, die auf sie aufpassen könnten, reagiert Shawn mit Abwehr: „Kannst du nicht auf dich selbst aufpassen?“
Äußerlich ist Isilda (Fenna Benetz) fast noch unauffälliger als der auf Normalo getrimmte Malte. Sie könnte eine sein, die kein Aufhebens von sich macht, oder den Typ ewiges Waisenkind verkörpern. Doch bald erweist sie sich als derart versierte Schrauberin, dass jeder kapieren müsste, wie sehr der Schein trügen kann.
Über die vier Protagonistinnen und Protagonisten hinaus sind weitere Jugendliche als Namen und Stimmen gegenwärtig. Am Ende wird es auch auf ihre Fähigkeiten ankommen, wenn die sehr heterogene Gruppe eine Chance haben will. Zumindest ist das die didaktische Absicht des preisgekrönten Stücks, das wie erwähnt die „Kraft zur Selbstermächtigung“ freisetzen möchte, und darauf besteht, dass die neuen Menschen der Zukunft allein durch Technologie nicht weit kommen würden.
Reutlinger General-Anzeiger, 14. März 2026
(von Christoph B. Ströhle)
Till Wiebels Stück »Funken« am Jungen LTT