Bestandsaufnahme eines Ausstiegs nach der gleichnamigen Autobiografie von Heidi Benneckenstein · 13+
Schwäbisches Tagblatt, 19. Februar 2026
(von Dorothee Hermann)
Dieses Stück haut rein: Mit „Ein deutsches Mädchen“ blickt das Junge LTT ins rechtsextreme Milieu und zeigt beeindruckende Intensität.
Dieses Stück haut rein. Es schickt einen in den schwarzen Tunnel einer bedrückenden Kindheit in einer rechtsextremen Familie. Obwohl es nur etwa 60 Minuten dauert und mit einigen Brechungen arbeitet, bleibt man wie betäubt zurück. Irgendwie nimmt man noch wahr, dass Solo-Darstellerin Sophie Aouami eben wieder in den neutralen blauen Trainingsanzug geschlüpft ist, in dem sie anfangs die Bühne betreten hatte. Doch die lastende Atmosphäre hält sich zäh, obwohl gar nichts mehr passiert und man weiß, dass die Protagonistin es schaffte, das Neonazi-Milieu hinter sich zu lassen. Nun hat sich das Junge LTT, das Kinder- und Jugendensemble des Landestheater Tübingens (LTT), mit dem Stück „Ein deutsches Mädchen – Nach der Autobiografie von Heidi Benneckenstein“ deren Geschichte vorgenommen – bis in selbstschädigende Auswüchse hinein, wenn jugendliche Rechtsradikale sich oder den Freund statt an ihrem Ausbildungsplatz im Gefängnis wiederfinden, wenn sie wieder einmal zugeschlagen haben, weil jemand nicht in ihr Weltbild passte, oder jemand sie stoppen wollte.Die durchschlagende Wirkung kommt auch daher, dass die Inszenierung von Nazli Saremi (Regie, Bühne und Kostüm) der Geschichte der Szene-Aussteigerin Heidi Benneckenstein die persönlichen Umstände und die Todesdaten der Menschen gegenüberstellt, die die rechtsextreme Terrororganisation NSU zwischen 2000 und 2007 ermordete. Und die auch deshalb nicht früher gestoppt wurde, weil niemand sie aufhielt, wie das Stück klarmacht. Damit zeigt es nicht nur eine bizarre Parallelwelt mit verschrobenen Ansichten, sondern ein radikalisiertes Milieu, das Gewalt ermöglicht, mitträgt oder selbst begeht. Saremi ist freie Theaterregisseurin und inszeniert zum ersten Mal am LTT. Dass sie mit dem LTT-Oben die kleinste Bühne am Haus bespielt, verstärkt den beklemmenden Eindruck, mitgefangen und auch mitverantwortlich zu sein.Alles beginnt ziemlich unspektakulär, es sei denn, man ist wegen der beiden Haarteile irritiert, die auf dem Boden liegen, zwei lange schwarzglänzende Zöpfe, die in dem kargen Rahmen etwas Fetischhaftes haben. Es gibt einen einfachen Holztisch und zwei ebensolche Stühle und an der Großleinwand dahinter ein Foto der fünfjährigen Heidi. Blond, schüchtern lächelnd und mit ordentlich geflochtenen Zöpfen, sieht sie aus wie ein Kind aus den 1950er-Jahren, ist aber 1992 geboren. Wie wiederum in der Nachkriegszeit nicht unüblich, wird die Familie völlig vom autoritären Vater beherrscht, der Gehorsam, Disziplin und Durchsetzungsvermögen einfordert, „als wollte er uns auf das Leben in einer feindlichen Umgebung vorbereiten“. Die Dreijährige kommt mit der Familie zum ersten Mal in ein Jugendlager der neonazistisch ausgerichteten, mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Als sie fünf ist, hält sie sich allein mit ihren Schwestern dort auf. In der Grundschule ist sie sofort Außenseiterin, weil alle anderen farbenfrohe Marken-Rucksäcke haben, während sie als einzige mit einem alten Lederranzen dasteht.Zu Hause kann der auf totale Kontrolle versessene Vater dermaßen durchdrehen, dass er beinahe die Wohnung zerlegt. Was letztlich den Anstoß zum Ausstieg der Tochter gibt, fällt vielleicht ein bisschen knapp aus. Als Jugendliche kommen Heidi Zweifel, während sie gleichzeitig Gewalt (noch) gutheißt.Mit beeindruckender Intensität wuppt Aouami die Doppelrolle als Erzählerin und Darstellerin. Es gelingt ihr immer wieder, das Geschehen mit einem Anflug von Distanz anzugehen, wie gl eich am Anfang, als sie sich so vorstellt: „Mein Name ist Sophie Aouami. Heute spiele ich für euch Heidi Benneckenstein.“ Archiv-Aufnahmen, Videos und Video-Schnipsel mit O-Tönen von Benneckenstein ergänzen die multimediale Szene-Erkundung, die immer wieder die zehn Menschen in den Blick rückt, die der sogenannte NSU ermordet hat.
Reutlinger General-Anzeiger, 18. Februar 2026
Ausstieg aus der Neonazi-Szene: »Ein deutsches Mädchen« am LTT
(von Christoph B. Ströhle)
Heidi Benneckenstein schildert in einem Buch ihren Ausstieg aus der Neonazi-Szene. Am LTT ist aus ihrem Bericht ein Bühnenstück entstanden.
Cul-Tu-Re Blog, 12. Februar 2026
(von Martin Bernklau)
In der Ofterdinger Burghof-Schule hatte „Ein deutsches Mädchen“ Premiere, das Solo der LTT-Schauspielerin Sophie Aouami über eine Kindheit und Jugend im Neonazi-Milieu