Justin Hibberler, Solveig Eger, Sabine Weithöner, Foto: Martin Sigmund
Justin Hibbeler, Foto: Martin Sigmund
Justin Hibberler, Sabine Weithöner, Solveig Eger, Foto: Martin Sigmund
Justin Hibbeler, Sabine Weithöner, Foto: Martin Sigmund
Foto: Martin Sigmund

Die Präsidentinnen

Fäkaliendrama von Werner Schwab


Schwäbisches Tagblatt, 12. Oktober 2023

Knietief in der Scheiße

(von Justine Konradt)

Die neue Inszenierung von „Die Präsidentinnen“ am LTT bringt Heiterkeit, Entsetzen und Tiefgang gleichermaßen. Ein Stück, das sich lohnt.

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Schwarzwälder Bote, 7. Oktober 2023

Makabere Flucht vor der eigenen Sinnlosigkeit

(von Christoph Holbein)

Das Fäkaliendrama „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab entpuppt sich in der Inszenierung von Thorsten Weckherlin am Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen als lustige Gesellschaftsparodie mit bitterbösem Nachgeschmack. Die Schauspieler brillieren in ihren Rollen.

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cul-tu-re.de, 2. Oktober 2023

Der Griff ins Klo

(von Martin Bernklau)

Das Landestheater Tübingen gräbt Werner Schwabs Fäkaliendrama „Die Präsidentinnen“ wieder aus.

TÜBINGEN. Unglaublich: 34 Jahre ist das jetzt her, dass Werner Schwab gnadenlos tief und brutal in der braunen österreichischen Scheiße wühlte, die damals nicht zuletzt mit dem Namen des SA-Herrenreiters, Uno-Generalsekretärs und Bundespräsidenten Kurt Waldheim verbunden war.

Intendant Torsten Weckherlin hat das furiose Fäkalstück jetzt für eine kleine Inszenierung im Oberen LTT wiederentdeckt, dessen paar Ränge bei der Premiere am Sonntagabend voll besetzt waren. Natürlich ist auch dieses drastische Punk-Stück, eine Art Thomas Bernhard für Arme, mittlerweile gealtert: Diese Gesellschaft proletarisch-ländlichen, frommen und heuchlerischen Miefs gibt es so nicht mehr. Und Bezüge zwischen der damaligen Nazi-Aufarbeitung und dem europaweiten Rechtstrend der Gegenwart drängen sich nicht unbedingt direkt auf.

Aber diese auf drei Figuren verteilte Suada hat – über Protest, Kritik und Satire hinaus – immer noch eine derartige Kraft und einen derartigen Witz, dass selbst der Souffleur, seit Wochen mit jedem Wort vertraut, immer wieder ein lauthalses Lachen unterdrücken musste.

Klar, dieser Werner Schwab war ein Zwangscharakter. Dazu war nicht einmal der gezielt frühe Tod in Graz mit über 4 Promille im Blut als Beleg nötig. Der damals ungeheure Erfolg des steirischen Berserkers hing aber auch mit einem unglaublichen dramatischen Gespür und seiner unvergleichlichen Sprache zusammen. Nebenbei auch damit, dass die Aufführungspraxis eher wenig Aufwand und ästhetische Verrenkungen erforderte. Schon vom Bühnenpersonal her: Drei Rollen reichen vollauf.

Der Rahmen ist schnell skizziert. Am neuen Farbfernseher verfolgen drei Frauen eine Papstmesse in der Unterschicht-Wohnküche. Jede hat ihr eigenes Päckchen zu tragen, ihre eigenen Träume, Sehnsüchte und kleinen Perversionen. Jede will ein wenig Macht und Anerkennung in ihrem kleinen Reich, als „Präsidentin“ eben. Dem Mariedl ist neben einer tiefen Frömmigkeit eine besondere Gabe eigen: Sie traut sich, ohne Gummihandschuhe ganz tief in die volle Scheiße verstopfter Aborte zu greifen. Für diese Reinigungskraft ist sie in der Nachbarschaft geradezu berühmt. Und immer findet sie Verwertbares in Kot und Gestank.

Die Grete ist rattenscharf und anal-geil auf ihren Fredi, der Blasmusik macht und sich als kleiner Gutsbesitzer aufspielt. Der Wottila Karl hat polnischen Migrationshintergrund und verspricht für die Erna ein bisschen blutigen Metzgers-Wohlstand. Natürlich wird auch viel gesoffen, gesüffelt, auch gekotzt und über den weichen und harten Stuhl schwadroniert.

Das Trio macht viel aus diesem Text, wobei den Rollen je eigene Kontur zugewiesen ist. Solveig Eger gibt ihr frömmelndes Mariedl in einer vielleicht etwas gebetsartig litaneihaft religiösen Sprache. Ein wenig Gestörtes, Hysterisches, auch geistig Minderbemitteltes und in leichten Wahn Abgedrehtes hätte im Ton auch nicht geschadet.

Schwer hat es Justin Hibbeler in seiner Rolle als Erna. Die Inszenierung hat ihm kein Trans-Styling gegönnt, weshalb er in seiner Kleinbürgerkluft, Kittelschürze plus Pelzmütze, und seinem eher tiefen Bariton, den er in einem gewissen, manchmal etwas zu gravitätisch ernsten Rezitationston führt, das ganze Stück über nicht gegen die Anmutung ankommt, dass er eben ein Mann ist. Nur zum grotesk makabren Schluss passt das: Wenn er als Erna nämlich das Schlachtermesser zückt und dem zuvor zum gekreuzigten Christus aufstilisierten Mariedl tatsächlich den Kopf abschneidet und in den Eimer wirft, aus dessen Dreck sich das Mädchen vorher von unten bis oben beschmutzt hat.

Ganz großartig gelingt Sabine Weithöner ihre Rolle der etwas etepeteten, aber ganz im Innern auch ziemlich versauten Grete. Aufgetakelt mit Turmfrisur und edlerem bordeauxroten Brokat-Kleid, die dicke Kette falscher Perlen um den Hals, findet sie in der Diktion dieser Sprachkaskaden, aber auch in Mimik, Gestik und Bewegungen die bei weitem höchste spielerische Intensität und Vielfalt: eine Glanznummer.

Was damals eine provokante Sensation war, und für dessen überbordene Sprache innerer Monologe völlig zurecht der Begriff des „Schwabischen“ geprägt wurde, das ist heute doch schon wieder der Blick zurück in eine Zeit, die es nicht mehr gibt. Aber es lohnt sich immer noch, unbedingt, schon dieses grandios schweinischen, dreckigen und subversiven Witzes wegen, dieses Vulkanausbruchs an Sprache, der in eine schlichte, aber stimmig geschlossene Inszenierung eingebettet ist.

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