2. März 2010
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1. März 2010
Reutlinger Generalanzeiger
1. März 2010
Schwäbisches Tagblatt
Ja du heiliger Nippel!
LTT stellt „Nipplejesus“ in die Kunsthalle
Tübingen. Wie wäre denn Folgendes gewesen: Kurz vor Beginn streifen manche Theaterbesucher noch an den Bildern in der Kunsthalle vorbei, andere sitzen bereits auf den Stühlen zu denen Punkt acht Uhr alle gerufen werden.
Peter Ertle
Der Mann von der Aufsicht sagt nun, der Vortrag würde sich etwas verzögern. Und quatscht dann einfach weiter. Und so geht es los.
Achtung! Kein Zutritt unter 18
Es war aber anders: Dem Theaterstück wurde nämlich eine kleine Einführung in die Ausstellung beziehungsweise zu Mel Ramos vorgeschaltet. Zuschauer, die auf diesem Weg zum erstenmal in die Ausstellung kommen, sollen so kurz informiert werden. Von der Ausstellungs-Theaterkooperation her ein Tribut des Theaters an die Kunsthalle. Bloß: Wer hier fürs Theater kommt, erwartet auch ein Stück, keine Einführung, zumal viele Zuschauer die Ausstellung schon besucht haben. Wer sich wirklich für die Schau interessiert, ist mit den paar Worten eh nicht bedient. Wem die Ausstellung egal ist, dem sind wiederum schon solche Ausführungen zu viel. So vergeht die erste Viertelstunde.
Dann wird's aber spannend. Schon der aufreizend langsame, wortlose Gang jenes Manns vom Aufsichtspersonal am Theater- respective Ausstellungspublikum vorbei, dieses gelangweilt-abschätzige Taxieren ist ein perfektes Vorspiel. Und dann beginnt Guido zu plappern, Guido vom Aufsichtspersonal, erzählt aus seinem Leben. Früher war er Türsteher. Den Job hat er geschmissen, seit einer vor ihm mit dem Messer rumgefuchtelt hat. Obwohl er selbst auch nicht zimperlich ist. Vermutlich hat er's für seine Familie gemacht. Seine Freundin würde gern mehr aus ihm machen, aber Guido weiß, was bei seinem bisherigen Lebenslauf möglich ist: Wenig.
Dieses Bild musste in den 60er Jahren mal abgehängt werden. Im Stück zerstören gläubige Menschen den „Nipplejesus“. Auch Guido (Martin Molitor) ist machtlos.
Zum Beispiel Aufsicht in einer Ausstellung. Da ist er nun und geht, während er so erzählt, auf ein paar der Bilder ein, die in der Mel Ramos-Schau hängen. Das stammt nicht von Autor Nick Hornby, das hat ihm Regisseur Udo Rau in den Text reingeschrieben. Und es passt. Guido stammt aus einfachen Verhältnissen, hat mit Kultur nicht viel am Hut. Das gibt seinen Kommentaren zur Kunst mitunter etwas erfrischend Natürliches, Ehrliches, Lustiges. Andererseits haust in ihm auch das ganze konservativ-ignorante Misstrauen moderner Kunst gegenüber, das nochmal befeuert wird, als er erkennt, warum das Museum damals ausgerechnet einen Ex-Türsteher eingestellt hat: Seine Aufgabe ist es nämlich, auf ein besonderes Exponat aufzupassen, das hinter einem Vorhang postiert hängt, daneben ein Schild: „Achtung! In diesem Raum befindet sich ein Kunstwerk von kontroversem Charakter. Bitte treten Sie nicht ein, wenn Sie befürchten, in Ihrem moralischen und religiösen Empfinden verletzt zu werden. Kein Zutritt unter 18.“
In diesem Raum hängt nämlich ein schmerzverzerrter Jesus am Kreuz, aber wenn man dicht davor steht, bemerkt man, dass das Bild ein Mosaik aus lauter Brustwarzen-Fotos ist, und so heißt es auch: „Nipplejesus“. Da sind Proteste vorprogrammiert. Und auch Guido ist entsetzt, schockiert. Doch dann lernt er die Künstlerin Martha kennen. Die entspricht so gar nicht seinem Skandal-Klischeebild. Die ist richtig nett. Und küsst ihn auch noch auf die Wange. Wenn die so nett ist, kann das Bild so blöd nicht sein. Und kann man geringschätzen, wofür man verantwortlich ist und womit man so viel Zeit verbringt? Guido kann das nicht. Dazu kommt: Einige der Leute, die gegen das Bild sind und mit denen Guido zu tun hat, sind so unangenehm, dass eines für ihn klar ist: Wenn die dagegen sind, muss er dafür sein.
Muss auch mal sitzen: Guido Libuda.
Diese allmähliche und natürlich nicht völlig überzeugende Wandlung ist amüsant und ein absolut stimmiges Sozialporträt. Typen, die so ticken, gibt es, zweifellos. Guidos Wandlung tut einerseits gut, bringt sie ihn doch weg von seinen Vorurteilen. Andererseits tut sie weh, denn sie zieht in quasi über die falschen Motive in eine Welt, die ihn letztlich enttäuschen muss: Typen wie er sind hier nicht vorgesehen.
Der ganze Abgrund zwischen ihm und dieser Welt wird sichtbar in jenem Kuss, den Martha ihm einmal auf die Wange drückt. Für sie eine gleich wieder vergessene Geste aus der unverbindlichen Künstler-Bussi-Gesellschaft. Für ihn weit mehr als ein freundschaftlicher Kuss: Zeichen echter Zuneigung und Verbundenheit.
Metaebene als Verrat
Martin Molitor spielt Guido und Guido ist so wie die Stiefel, die er anhat: Etwas klobig, fest und eindeutig. Ein guter Kerl, der sicher auch unangenehm werden kann. Nur Zwischentöne, Vagheiten, Subtiles: kennt er nicht. Einer, der wissen muss, wo er hingehört, warum etwas so ist und nicht anders. Einer, der eigentlich schon gern hätte, dass ihm endlich mal jemand, am besten die Künstlerin selbst, erklärt, warum sie denn diesen „Nipplejesus“ gemacht hat und warum der eigentlich toll und überhaupt nicht blöd ist. Er will ihn mittlerweile ja unbedingt gut finden!
Zigaretten und Käse: Keine Product-Placement-Werbung, sondern Pop-Art als Schauspiel- Hintergrund. Bilder: LTT
In dem Punkt ist Guido ein Repräsentant uneingestandener Fragen des Kunstpublikums. Uneingestanden, denn zu fragen, was etwas soll und ob es denn überhaupt schön sei kann ja ein gefährlicher Fauxpas im Kunstbetrieb sein, der sich von solchen Bezügen und Kriterien und vor allem von ihrer Festlegung längst verabschiedet hat – oder im Gegenteil sich sinnhuberisch oder kokettierend mit gesellschaftlichen Bezügen auflädt – die man ihm aber nicht recht glaubt. Und eben für so was Beliebiges ist einer wie Guido nicht zu haben. Der macht im Einzelfall noch die Wandlung vom Verächter zum Verteidiger moderner Kunst mit. Aber wehe wenn man ihm dann den Boden unter den Füßen wegzieht, wie es in diesem Stück passiert. Denn nachdem „Nipplejesus“ bei einem Kunstattentat, das auch Guido nicht verhindern kann, zerstört wird, freut sich Martha zu Guidos Entsetzen über die Maßen: Darauf hatte sie gehofft, eine dafür installierte Videokamera hat alles aufgezeichnet, das Video der Zerstörung wird ihr Nachfolgekunstwerk. Den Sprung auf die Metaebene des reinen Spiels mit der Publikumsreaktion macht Guido nicht mehr mit, für ihn ein Dreh zu viel, ein Verrat, der ihn zur Marionette degradiert.
Von der Kunst zum Theater
Wir können ihn verstehen. Und wir können auch Martha verstehen, falls wir mal unterstellen, dass Guido in seiner Enttäuschung und mit seinen für Ambivalenzen ungeübten Sinnen was falsch verstanden hat und ihr „Nipplejesus“ zwar auf ein Kunstattentat spekulierte, sich darin aber nicht erschöpfte. Und selbst wenn. So what! Um aus gegebenem Anlass mal von der Bildenden Kunst zum Theater zurückzukommen: Letztlich macht Nick Hornbys Theaterstück „Nipplejesus“ etwas, das Marthas Kunstwerk „Nipplejesus“ auch tut, nur mit weniger Provokationsgehalt: Hornbys Stück ist ja nicht für oder gegen Guidos, Marthas oder sonst jemandens Sicht der Dinge. Es hat gewiss manche Sympathien und sie gehören sicher nicht den Kunst-Attentätern, aber abgesehen davon spielt es den Aufeinanderprall zweier extrem weit auseinander liegender Welten (Guido und die Kunstszene) genauso durch wie Marthas „Nipplejesus“ den Aufeinanderprall von Nackt- und Heiligenbildern. Der Schluss liegt, wie immer, beim Zuschauer.
Unterm Strich
Vom diesmal als Regisseur fungierenden LTT-Schauspieler Udo Rau gut in Szene gesetztes, von Martin Molitor eindrucksvoll gespieltes Solo. Die Kunstwelt aus der Sicht eines Aufsichtspersonals. Dramatisch, komisch, anrührend.
Wie und warum das Theater in die Kunsthalle kommt
Die Öffnung der Kunsthalle für flankierende Veranstaltungen, unter dem geschäftsführenden Kurator Martin Hellmold begonnen und unter Daniel J. Schreiber intensiviert, hat nun zum ersten in der Kunsthalle gespielten Theaterstück geführt. Da in Nick Hornbys „Nipplejesus“ ein Ausstellungsaufseher über sein Leben, seine Erfahrung mit dem Kunstbetrieb und vor allem seine Begegnung mit einem provokanten, aus lauter Brustwarzenfotos gefertigten Jesus-Bild spricht, bot die derzeitige Schau mit den Pinup -Kunstwerken sich regelrecht als Ambiente an. Auch der Künstler Mel Ramos war in den vergangenen Jahrzehnten öfters Anlass für Proteste und rechtliche Klagen.
Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt, 1. März 2010
Nächste Aufführung
21. Oktober 2010
Gastspiel
Kunsthalle Tübingen: 14. Oktober 2010